Pastoralinstitut Priesterseminar

Theologische Hochschule Chur

Tagung des Pastoralinstituts

 

Buchvernissage vom 08. Dezember 2016

Tagungsbericht La Quotidiana

Kommentar von Eva-Maria Faber zur Eröffnung des Reformationsgedenkens kath.ch News

Interview mit Andri Casanova

Bündner Tagblatt, 04.08.2016

Gast­kom­men­tar Chris­ti­an Ce­bulj zum Papst­be­such in Ausch­witz

Am vergangenen Freitag hat Papst Franziskus während seiner Polenreise zum Weltjugendtag auch das Vernichtungslager Auschwitz besucht. Schon auf dem Rückflug von seiner Armenienreise hatte er angekündigt, dass er in Auschwitz auf eine Ansprache verzichten werde. Er sagte, er wolle an diesem Ort des Grauens lieber schweigen und beten.

In den Medien fand diese Geste des Papstes weitgehend positive Resonanz. Zwar gab es vereinzelt kritische Kommentare, die meinten, Franziskus habe in Auschwitz geschwiegen, weil er «nichts zu sagen» gehabt hätte. Ich denke aber, dass eine solche Sicht zu kurz greift und die Symbolkraft der ebenso einfachen wie sprechenden Geste des Schweigens verkennt. Wahrscheinlich war das Schweigen des Papstes in Auschwitz die adäquatere Haltung als jede Rede, die das Unsagbare der Schoa doch nicht zu fassen vermocht hätte. Papst Franziskus ging damit neue Wege: Während Papst Johannes Paul II. 1979 in Auschwitz während einer Messe gepredigt hatte und Papst Benedikt XVI. 2006 eine umstrittene Rede hielt, bei der manche Stimmen im Nachhinein meinten, der Papst hätte besser nichts gesagt, schwieg Franziskus einfach. Johannes Paul II. und Benedikt XVI. begründeten mit ihren jeweiligen Biografien als Pole und als Deutscher durch ihre Auschwitz-Besuche eine Tradition kirchlicher Gewissenserforschung und theologischer Versöhnungshoffnung. Nun kam mit dem Argentinier Franziskus der erste Pontifex ohne direkte Verbindung zu den auf Täter- oder Opferseite beteiligten Völkern nach Auschwitz und schwieg am Ort der Schuld. Es war unausweichlich, dass sich auch ein Schatten auf das Schweigen von Franziskus legte, denn in der jüngeren Papstgeschichte ist es belastet: Als am 16. Oktober 1943, einem Schabbat, die im Ghetto in Rom lebenden Juden von SS-Truppen deportiert wurden, schwieg der damalige Papst Pius XII. Es gab zwar diplomatische Bemühungen zur Rettung der römischen Juden, eine offizielle Verurteilung aber blieb aus. Da 1943 kein Papst vor den Toren von Auschwitz stand, um gegen den antisemitischen Rassenwahn der Nazis zu demonstrieren, weiss heute jeder Papst, der nach Auschwitz fährt, dass er zu spät kommt. Auch wenn in den vergangenen 70 Jahren in den christlichen Kirchen ein tief greifender jüdisch-christlicher Lernprozess in Gang gekommen ist, fehlt bis heute das Wort eines Papstes zum politisch brisanten Schweigen seines Vorgängers.

Dass Franziskus schwieg und betete, dafür aber mit Überlebenden von Auschwitz sprach, wurde dagegen von der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden Italiens, Noemi Di Segni, ausdrücklich gewürdigt. Der Papst richte mit seinem Schweigen die Aufmerksamkeit auf eine «offene Wunde im Herzen Europas», die bis heute die Gewissen aller Menschen angehe, die sich für die Verteidigung von Frieden, Freiheit und Demokratie einsetzen, so Di Segni. Der kürzlich verstorbene Literatur-Nobelpreisträger Eli Wiesel hat alles Reden über die Schoa einmal als «Ausweichmanöver» bezeichnet, das dem Grauen von Auschwitz auf rationaler Ebene aus dem Wege zu gehen versuche. Andererseits müssen wir reden, denn jede Generation sucht neue Antworten auf die bohrende Frage: «Wo war Gott in Auschwitz?»

Wer aber der Versuchung des Ausweichens widersteht, erreicht irgendwann den Punkt der Scham. Eine Scham angesichts dessen, wozu Menschen fähig waren (und bis heute sind). Diese Scham ist nötig und sie stellt bloss: uns Menschen, unsere Vorfahren, uns als Angehörige der Menschheit. Aber erst, wenn die Scham sich Schritt für Schritt in Empathie und Verantwortung verwandelt, werden wir frei, neue Wege zu gehen.

«Jeder Papst, der Auschwitz besucht, weiss, dass er zu spät kommt»

Dazu ermutigt der Papst mit seinem beschämten Schweigen von Auschwitz. Gleichzeitig demonstriert Franziskus mit ebendiesem Schweigen die Fehlbarkeit der Kirche und zeigt zugleich ihre Lernfähigkeit. Gerade indem er Überlebende der Schoa trifft, stellt er sich einer Schuld, von der sich die ­Kirche niemals freisprechen kann.

CHRISTIAN CEBULJ ist Rektor der Theologischen Hochschule Chur und Professor für Religionspädagogik.