Einladung zum Milieu-Studium: Anregungen aus der "Sinus-Milieu-Studie"
Von Eva-Maria Faber
Zu: Milieuhandbuch „Religiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus® 2005“. Im Auftrag der Medien-Dienstleistung GmbH. München: MDG, 2006.
326 S. / € 140.- / Zu bestellen bei der Medien-Dienstleistung GmbH, Postfach 20 14 17, D 80014 München, www.mdg-online.de.
Dekanatsversammlung mit Austausch über die Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Schweizer Fastenopfer. Es entsteht der Eindruck, dass die zur Verfügung gestellten Materialen nur von wenigen Pfarreien versandt werden. In der Regel werden sie den Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Gottesdienste an die Hand gegeben oder liegen in den Kirchen aus – erreichen also nur Personen, die das Leben der Kirche aktiv teilen.Ich bin nicht in der Lage, die Höhe des Spendenbetrags abzuschätzen, welcher dem Fastenopfer und seinen Projekten auf diese Weise vorenthalten wird. Spendenbereitschaft ist jedenfalls auch bei Nicht-Kirchgängern vorauszusetzen. Ansprechen möchte ich hier eine im Vergleich zunächst eher sekundäre Folgeerscheinung.
Die Kirche hat den Auftrag, Zeugnis zu geben, Zeugnis auch im Einsatz für eine gerechtere Welt und für den Beitrag, den das Evangelium dafür bereithält. Die Fastenopfer-Aktion ist eine Weise solchen Zeugnisses. Zugleich lässt sich die Kirche (römisch-katholische und reformierte Kirchen gemeinsam) in dieser Aktion an ihrem Eintreten für menschenwürdige Lebensbedingungen identifizieren: Sie tut kund, auf welcher Seite sie in der Nachfolge Jesu steht.
Mir liegt es fern, im kirchlichen Leben zu unguter Selbstdarstellung verleiten zu wollen. Und doch kann es uns als Kirche nicht gleichgültig sein, wenn die Gesellschaft weithin von Klischeevorstellungen und Vorurteilen über die Kirche bestimmt ist. Dazu trägt die mangelnde Bereitschaft zur Kommunikation der eigenen Ideale und Wertvorstellungen bei. Werden kirchliche Hilfsprojekte nur noch Gottesdienstbesuchern vorgestellt, so brauchen schwindendes Interesse an der Kirche und ganz einfach Unkenntnis über das kirchliche Leben nicht zu verwundern.
Eine der wichtigsten Feststellungen der inzwischen viel besprochenen Sinus-Milieustudie, die in Deutschland durchgeführt wurde, betrifft solche mangelnde Wahrnehmbarkeit der Kirche in der Öffentlichkeit. „Dramatisch ist der Befund, dass man Kirche in der Gesellschaft jenseits der loyalen Kirchgänger und Klischees … schlichtweg nicht wahrnimmt. Sie hat einen – für Unternehmen phantastischen und schier unerreichbaren – Bekanntheitsgrad von 100%, aber sie ist für viele, die nicht nahe bei der Kirche stehen, im Alltag nicht sichtbar“ (11).
Unmittelbar daneben wird festgehalten: „Nicht nur traditionelle Milieus, sondern auch moderne und in noch stärkerem Masse die postmodernen Milieus fordern aber, dass die Kirche in der Öffentlichkeit präsenter sein, ‚richtige PR-Arbeit’ betreiben und vor allem selbstbewusster auftreten soll“ (12).
Es ist eine möglicherweise überraschende Botschaft der Milieustudie, dass einerseits die „traditionellen“, konservativen Milieus der Kirche nicht so selbstverständlich verhaftet sind, wie dies vermutet wird, dass aber andererseits die der Kirche eher fern stehenden, modernen und postmodernen Milieus an kirchlichem Leben durchaus interessiert sind. Sie vermissen aber die geeigneten Weisen, wie sie ihre Kompetenzen und Ideen einbringen können, und: „Die meisten Menschen empfangen derzeit kaum Signale, dass die Kirche sie will (bzw. die vermuteten ‚Geschäftsbedingungen’ schrecken sie ab)“ (12).
Nach den zahlreichen Besprechungen, Würdigungen und Kritiken, welche die Sinus-Milieustudie bereits erfahren hat, ist es müssig, das vielerorts bereits Gesagte nochmals zu wiederholen. Ich möchte mich darauf beschränken, die Lektüre und Arbeit mit dieser Milieustudie im Sinne einer Kommunikationsübung zu empfehlen. Was damit gemeint sein könnte, sei verdeutlicht an dem – aus anderen Studien bereits vertrauten – Ansatz bei Milieus. Damit wird die frühere Orientierung der Soziologie v.a. an der Unterschiedlichkeit sozioökonomischer Lebensbedingungen abgelöst durch eine ganzheitliche Betrachtung des Individuums. „Die Unterschiedlichkeit von Lebensstilen ist für die Alltagswirklichkeit von Menschen vielfach bedeutsamer als die Unterschiedlichkeit sozioökonomischer Lebensbedingungen“ (5).
Die Sinus-Milieustudie skizziert in kurzen, prägnanten Strichen solche Lebensstile und gleicht so einem „Lesebuch“ zu Alltagseinstellungen von Menschen hinsichtlich von Arbeit, Familie, Freizeit, Medien, Geld und Konsum. Die gebotenen Einblicke sind von hohem Wert. In einer Gesellschaft, in der weltanschauliche Einstellungen wie auch die individuelle Lebensgestaltung Privatsache geworden sind, ist es mitunter gar nicht so leicht, über diese Dinge ins Gespräch zu kommen. Zudem trifft die Diagnose, dass ein wirkliches wechselseitiges Verstehen zwischen Milieus nicht oder nur begrenzt möglich ist (7), auch die in der Pastoral engagierten Menschen. Es ist keine Schande zuzugeben, wie schwer es manchmal ist, überhaupt eine geeignete Gesprächsebene mit Menschen zu finden. Dem Milieu der „Etablierten“ wird ausdrücklich eine „Aura der Überlegenheit, des Urteilens und des Taxierens“ zugeschrieben: „Menschen aus anderen Milieus fühlen sich oft bewertet, gefordert und verunsichert“ (37). Wer von Berufs wegen und um des Evangeliums willen gleichwohl mit allen Menschen zu tun hat und zu tun haben will, tut gut daran, sich in die Kommunikation einzuüben. Die Sinus-Milieustudie bietet ein „ungefährliches“ Übungsfeld dazu. Die Einstellungen von Menschen verschiedener Milieus werden plastisch beschrieben. Äusserungen gerade auch zu Religion und Kirche können im Originalton nachgelesen werden. Die vielen gesammelten Mosaiksteine machen das Verstehen der Einstellung von Menschen leichter, als wenn im Alltag nur vereinzelte Facetten eher befremdlich begegnen. Im Blick auf ein potentielles Gespräch muss man nicht – wie in der unerbittlichen Gesprächssituation selbst – gleich reagieren. In Auseinandersetzung mit dem fiktiven „Gesprächspartner“, wie ihn die Milieustudie vor Augen stellt, gibt es Zeit zu überlegen, warum eine Reaktion so schwer fällt, welche spontane Art des Zugehens sogar kontraproduktiv wäre, und wie eine Kommunikation doch möglich sein könnte.
Eine solche Umgangsweise mit der Studie ist nicht nur legitim; sie wird von ihr selbst gefördert und angeregt, insofern die Beschreibung eines jeden Milieus zahlreiche Anregungen wie z.B. Hinweise auf Kommunikationsfallen bereithält und mit einem Blick auf „Do’s & Don’ts“ endet. Solche konkreten Orientierungen, was zu tun und was gerade nicht zu tun ist, regen zum Überprüfen und zur Inspiration eigenen Handelns an. Dies gilt für einzelne Seelsorger und Seelsorgerinnen ebenso wie für Pfarreiteams, denen diese Hinweise gewiss nicht das Evangelium, wohl aber eine Anregung zur Revision sein könnten. Die Aufmachung der Studie (Ringbuch, kleingliedrige Struktur, statt Fliesstext weithin Auflistungen) lädt dazu ein, sich auf ein eigenes Milieu-Studium einzulassen. Dies gilt – obwohl sich einzelne Hinweise auf die spezifische Situation der deutschen Kirche finden – auch für eine Lektüre auf Schweizer Boden.
Jesus von Nazaret war ein guter Beobachter. Von ihm wird sogar berichtet, er habe zugeschaut, wie Menschen ihren Beitrag in den Opferkasten warfen. Heutigen Seelsorgern sei eher abgeraten, in diesem Punkt seinem Beispiel zu folgen – doch aufmerksame Beobachter dessen, wie Menschen heute leben und was sie denken, sollten sie sein. Dies gilt im übrigen auch für die Frage, wofür Menschen heute ihr Geld „opfern“. Vielleicht scheint es dann auch wieder lohnenswert, die Unterlagen des Fastenopfers per Post zu verschicken.
Dies wäre noch mehr zu unterstreichen, wenn die Agenda vermehrt anspruchsvolle spirituelle und durchaus profiliert christliche Impulse enthielte. Denn für solche wären gerade auch Nicht-Kirchgänger heute in einer grossen Breite offen. Mag es auch für die „modernen Performer“ in besonderer Weise charakteristisch sein, dass sie ungeniert nach der Nützlichkeit von Weltanschauungen und Religionen fragen (107f), so gilt doch für viele andere – und im übrigen durchaus legitimerweise: „Man sucht in verschiedenen Religionen und Philosophien nach einem potenziellen Fundament für sich selbst: Urmenschliche Prinzipien, Erkenntnis oder auch Trost“ (111). Das (durchaus anerkannte) Potenzial der Kirche, „Zentrum für geistige Orientierung“ (289) zu sein, hängt dabei (für „Experimentalisten“) daran, dass sie „mit sich identisch“ bleibt, „klar profilierte Konturen“ hat (285).
13.03.2007

priesterseminar-thc.ch