Theologische Hochschule Chur

Internet-Zeitschrift

Berufungspastoral   

Von Eva-Maria Faber


Die vielerorts niedrige Zahl von Kandidaten und Kandidatinnen für das Ordensleben, für den priesterlichen Dienst wie auch für andere kirchliche Berufe führt gelegentlich zu einer resignierten Stimmung. Können Menschen heute überhaupt noch eine Berufung zum Ordensleben, Priestertum, zu einem kirchlichen Dienst entdecken? Sind es nicht allenfalls Aussenseiter unserer Gesellschaft, die solche Wege für sich wählen? Ist Berufungspastoral etwas Anachronistisches?
Die Antwort auf solche Fragen trifft nicht nur die Berufungspastoral, sondern ist letztlich eine Anfrage, ob das Evangelium mit seinem Nachfolgeruf heute noch Gehör finden kann. Die folgenden Ausführungen sind geschrieben in der Überzeugung, dass der Ruf Gottes auch heute Menschen erreichen und faszinieren kann. Allerdings steht Berufungspastoral unter der Herausforderung, genau zu schauen, wie sie die Menschen antrifft, mit denen sie es zu tun hat oder zu tun bekommen könnte.
Deswegen widmet sich der erste Abschnitt gesellschaftlichen Umbrüchen und Suchbewegungen in der gegenwärtigen Gesellschaft. Wo zeigt sich eine neue Offenheit für die Botschaft des Evangeliums? Dabei wird in diesem Abschnitt eine noch sehr weite Perspektive gewählt, die nicht nur speziell nach kirchlichen Berufungen Ausschau hält, sondern Christsein grundsätzlich als Berufung versteht – nur in einem Christentum, das als Berufungsreligion gelebt wird, können Berufungen zu bestimmten kirchlichen Diensten und Lebensformen wachsen.

I. Gesellschaftliche Umbrüche und Suchbewegungen in der gegenwärtigen Gesellschaft.

1. Christentum als „Berufungsreligion“
Das Evangelium mit seinem Nachfolgeruf will alle erreichen. So sehr es im einzelnen verschiedene Wege der Nachfolge schon im Evangelium selbst gibt, so sehr gilt doch allen der Ruf zu einer persönlichen Antwort auf die Einladung Jesu zur Nachfolge. Dies hat Konsequenzen für den Ansatz von Berufungspastoral. Sie ist nicht vorschnell zu verengen auf das, was wir in der katholischen Tradition „besondere“ Berufungen nennen, „geistliche“ Berufe, Priester- oder Ordensberufe. Es gibt nicht Menschen, die einen Ruf Gottes haben, und andere, die keinen haben – Gott ruft alle Menschen auf einen ganz persönlichen Glaubensweg. Unterschiede gibt es in der Weise und in der Entschiedenheit, wie Menschen auf diesen Ruf hören. Und es gibt unterschiedliche Wege, auf die der Ruf Gottes Menschen führen will. Gerade das ist das Eigentümliche eines biblischen Verständnisses von Berufung, dass Gott nicht nur ganz allgemein ruft, sondern dass sich dieser Ruf auf sehr konkrete Lebenswege bezieht. Erreichen will dieser Ruf aber alle.

Berufungspastoral in einem weiten Sinn ist daher nicht eine Pastoral für bestimmte Menschen, für diejenigen, die einen Ruf haben, während andere, weil sie keinen Ruf haben, davon nicht angesprochen sind. Deswegen steht alle Pastoral unter dem Anspruch, Berufungspastoral zu sein und Menschen zu helfen, den Ruf Gottes an sie zu entdecken und ihm zu folgen. In diesem Rahmen kann jene Berufungspastoral, die Wege in eigene kirchliche Lebensformen und Dienste hinein zu finden hilft, gelingen. Auch sie muss die weitere Perspektive mitverfolgen: Es bedarf einer grossen Offenheit, Menschen auf ihren Weg zu helfen und daran Freude zu haben, und nicht zuerst den Nachwuchs für kirchliche Berufe oder die „Rekrutierung“ neuer Angehöriger der eigenen Gemeinschaft anzuzielen. Sollte eine Teilnehmerin am Ende einer Woche unter der Frage „Berufung zum Ordensleben“ zu dem Ergebnis kommen, sie sei nicht zum Ordensleben berufen, dann darf weder im Herzen der begleitenden Schwestern noch in dem der Teilnehmerin am Ende die Feststellung stehen: „sie hat / ich habe keine Berufung“, sondern nur: „sie hat / ich habe eine andere Berufung“. Und es ist gut, wenn die Stellen für Berufungspastoral immer wieder Besinnungstage und Exerzitien vorsehen, die einfach Mut zur Suche nach dem eigenen Weg vermitteln wollen.

Eine solche Berufungspastoral, die allen Menschen gilt, ist heute nicht nur wünschenswert, sondern unabdingbar. Sie ist unabdingbar, denn nur so kann heute Christsein „durchgehalten“ werden; nur so ist Menschen durch ihr Christsein geholfen – werden sie durch ihr Christsein heil, was ja Ziel und Verheissung des Glaubens ist. Christentum muss heute Berufungsreligion, Kirche Gemeinschaft von Berufenen sein. In einer solchen Kirche wird es auch Menschen geben, die kirchliche Dienste zu übernehmen bereit sind und nach spezifischen Lebensformen für ihr Christsein suchen.

Kirche muss heute Gemeinschaft von Berufenen sein. Denn die Suchbewegungen, die wir uns nun anschauen, finden im christlichen Glauben nur dann eine authentische „Antwort“, wenn sie in eine Berufungsgeschichte münden.

2. Suchbewegungen als Chancen für den Anruf des Evangeliums heute
• Sehnsucht nach Sinn
Menschen stellen zu allen Zeiten die Sinnfrage, das gehört zum Menschsein dazu. Aber es scheint, dass man sie heute bewusster stellt, vermutlich deswegen, weil man mehr experimentiert hat, wo denn ein solcher Sinn zu suchen wäre.
Es gab Jahrzehnte, während derer gerade im europäischen Raum (Nachkriegsjahre) der Sinn im Materiellen gesucht wurde. Inzwischen hat sich das geändert: Menschen sind, wenn sie etwas kaufen, nicht mehr schon mit dem materiellen Produkt zufrieden, sondern erwarten sich davon mehr: ein Erlebnis, also eine mehr innere Befriedigung. Der neue Schuh ist nicht nur ein neuer Schuh, sondern bringt – jedenfalls der Werbung zufolge – ein neues Lauferlebnis mit sich. Die sog. Erlebnisgesellschaft hat den blossen Materialismus, der viel mehr in der Immanenz verschlossen war, abgelöst und weist an sich durchaus in eine gute Richtung. Menschen empfinden sehr wohl, dass das Materielle allein sie nicht zufrieden stellen kann. Der französische Philosoph Luc Ferry bringt es etwas ironisch so auf den Punkt: Der Mensch spürt, „dass er nicht ausschliesslich deshalb auf der Welt ist, um ständig immer leistungsfähigere Autos oder Videogeräte zu kaufen“.

Doch auch die Erlebnisgesellschaft kommt an Grenzen. Denn Menschen machen die Erfahrung, dass die Erlebnisorientierung paradoxerweise Erlebnisse zerstört. Das bewusste Erlebenwollen bringt eine Reflexion mit sich, die es nicht erlaubt, in dem Erlebnis aufzugehen, es einfach nur zu geniessen. Ziel des Erlebenwollens ist es, von einem Erlebnis getragen zu sein, dabei die Zeit zu vergessen, im Erlebnisraum einfach nur „ich“ zu sein. Das aber gelingt nicht, wenn ich das Erlebnis gleichzeitig reflektiere: ob es meine Erwartungen erfüllt, ob es von Dauer ist, und welches Erlebnis danach kommt, wenn dieses vorüber ist. Auch unabhängig von dieser Problematik gibt es eine Spannung zwischen dem Erlebten und dem Erstrebten. Die im Menschen lebende unendliche Sehnsucht wird durch die einzelnen Erlebnisse nicht gestillt. Wie schön wäre es, wenn es wirklich Erfüllendes gäbe!

Diese Erfahrungen wecken Fragen und können öffnen für das Zeugnis von Menschen, die auf dem Weg des Evangeliums erfülltes und erfüllendes Leben gefunden haben.

Um solche Offenheit zu fördern, ist es dringlich, den Erlebnishunger von Menschen ernst nehmen (er ist an sich nicht schlecht), in der Pastoral aber Erlebnisse zu ermöglichen, die zu Erfahrungen werden. Wenn in der Erlebnisorientierung schon eine Wende von aussen nach innen angelegt ist, dann gilt es, diese Wende stark zu machen und darin konsequent zu sein. Dies verlangt den Appell, nicht beim Erleben zu bleiben, sondern aus dem Erleben eine Erfahrung zu machen, die durch die ganze Person hindurchgegangen ist und sie auch zu verändern vermag. Vielleicht kann man Jugendliche, die sich sehr vom Erlebnishunger treiben lassen, einmal fragen: „Was hast du denn dabei von dir selbst erlebt? Das wäre doch eigentlich das Spannendste!“. Es gilt, Erlebnismöglichkeiten zu schaffen, in denen Menschen spüren, dass sie nicht bedauern müssen, wenn das Erlebnis vorüber ist, weil die Erlebnisse zu Erfahrungen geworden sind, die das Leben nachhaltig verändern und erneuern.

Das weist schon hinüber in einen zweiten Punkt:

• Sensibilität für Fragen der Lebensgestaltung
Menschen sind sensibel für Fragen der Lebensgestaltung – und sie sind sensibel dafür, dass das Leben nicht so ohne weiteres gelingt. Es gibt die Sehnsucht nach einem stimmigen Leben, und das ist durchaus nicht einfach gleichbedeutend mit einem möglichst bequemen Leben. Gewiss ist es für viele Menschen sehr wichtig, einen Beruf zu haben, in dem man viel verdient. Aber es gibt Gegenströme, die aus der Einsicht stammen, dass das Gehalt allein noch nicht glücklich macht. Menschen suchen, wie Umfragen zeigen, in ihrer Tätigkeit Erfüllung (Selbstverwirklichung, Entfaltungsmöglichkeiten ...). Und sie sind sich bewusst, dass sie selbst dafür verantwortlich sind, ihr Leben sinnvoll zu gestalten. Unter verschiedenen Formulierungen zum Thema Sinn des Lebens findet die Formulierung „Das Leben hat nur dann einen Sinn, wenn man ihm selbst einen Sinn gibt“ heute am meisten Zustimmung.
Solche Sehnsucht nach einem stimmigen Leben spiegelt sich in zahlreichen Filmen (z.B. „Brot und Tulpen“; „Nicht von dieser Welt“).

Die Sehnsucht nach erfülltem Leben und die Einsicht in die eigene Verantwortlichkeit dafür ist in der Berufungspastoral aufzunehmen. Dazu ein konkreter Impuls: In Exerzitien und Besinnungstagen insbesondere im Zusammenhang der Berufungspastoral spielen oft Rückblicke auf die Lebensgeschichte eine grosse Rolle. Dies hat auch seine Berechtigung, um aus der erfahrenen Führung Vertrauen für die Zukunft zu gewinnen und um Linien zu erkennen. Wichtig wäre es aber auch, diese Linien in die Zukunft hinein zu verlängern, und zwar gerade unter dem Aspekt der Verantwortung für das eigene Leben. Wo bin ich in zehn, zwanzig, dreissig Jahren, wenn ich welcher Spur folge?

• Sehnsucht nach Beziehung
In Umfragen rangiert unter den Lebenswerten „Beziehung“ ganz oben. Menschen müssen heute ihren Lebensweg viel stärker auf sich gestellt gehen – umso stärker artikuliert sich das Bedürfnis nach Beziehungen, das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden.
Cees Nooteboom beschreibt in seinem Roman „Ein Lied von Schein und Sein“ die Dreiecksbeziehung zwischen einem Arzt, der Frau, die er soeben geheiratet hat, und einem Oberst. Der Arzt kann Freude nur vermittelt über einen anderen, nur angesichts eines Publikums geniessen; er bedarf des Offiziers, um seinen Aufenthalt in Italien zu geniessen, ebenso wie er ihn braucht, „um seine Frau zu lieben, als würde diese Verbindung, wenn kein Zeuge zugegen war, eigentlich nicht bestehen“. Man braucht ein Forum, damit das eigene Leben wertvoll wird.
In dem Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera heisst es einmal knapp: „Wir alle haben das Bedürfnis, von jemandem gesehen zu werden“. Big brother lässt grüssen! Zeugt nicht auch die Handy-Kultur von dem Wunsch, wie mit einer Nabelschnur immer an jemanden zurückgebunden zu sein? Es soll immer jemanden geben, der um mich weiss, der weiss, was ich gerade tue und was ich empfinde und wie es mir geht.
Psychologische Analysen haben bei religiösen Menschen als schiefes Gottesbild den Buchhaltergott entlarvt. Humorvoll schildert es Eugen Roth: „Ein Mensch, der recht sich überlegt, / dass Gott ihn anschaut unentwegt, / fühlt mit der Zeit in Herz und Magen / ein ausgesprochnes Unbehagen“. Liegt heute vielleicht der Schrei näher: Warum schaut denn niemand her? Dann wäre es an der Zeit, die befreiende Erfahrung zu entdecken, die in Ps 139 festgehalten ist. „Herr, du hast mich erforscht, und du kennst mich. ... Du bist vertraut mit all meinen Wegen“ (VV 1.3).
Natürlich, von der Sehnsucht nach Beziehung bis zum Beten des Psalms ist ein langer Weg, auf dem die Beziehung zu Gott oftmals erst noch aufgebaut werden müsste. Aber dennoch: Wir leben in einer Zeit, in der Berufung wieder ganz neu als kostbarer Schatz erkannt werden könnte: Da ist einer – Gott selbst –, der Interesse an mir hat, der etwas mit mir vorhat. Mein Leben ist nicht einfach gleichgültig, eines von Milliarden und Abermilliarden anderen Leben.

Zusammenfassend gesagt:
Die Sehnsucht nach Leben in Fülle macht sich drängend bemerkbar – zugleich wächst die Einsicht, dass solches Leben in Fülle nicht so einfach zu finden ist, wie es manche Werbung verspricht. In diesem Kontext könnte das Evangelium vom Leben in Fülle als Frohbotschaft gehört werden. Berufung – als Ruf in ein Leben in Fülle – könnte auf offene Ohren stossen.

Die „kann-Formulierungen“ zeigen an: Die Überlegungen zur Sinnsuche, zur Sensibilität für die Lebensgestaltung und zur Sehnsucht nach Beziehung behaupten nicht, dass diese Phänomene fast schon automatisch für den Ruf zur Nachfolge öffnen. Es ist eine eigene Frage, wie man Menschen dazu verhilft, zur Tiefe ihrer Sinnsuche, zur Tiefe ihrer Frage nach dem gelingenden Leben durchzustossen. Gewiss gibt es auch einiges, was dem entgegensteht, und das ist ebenso wach wahrzunehmen. Dennoch: es scheinen sich neue Zugänge zum Evangelium abzuzeichnen. Die Rahmenbedingungen haben sich geändert; es gibt heute wieder unverbrauchte Zugänge zum christlichen Glauben. Das Christentum war bei uns alt geworden. Ein Gott – einer, der unentwegt herschaut – wurde als unbequem empfunden; die Botschaft langweilig. Heute dagegen fängt manches wieder an zu leuchten. Gerade Menschen, die nicht mehr christlich sozialisiert sind, können den christlichen Glauben als ganz neue Chance entdecken.

II. Der Orientierungsbedarf der Gesellschaft
und die Notwendigkeit einer differenzierten Antwort

Ein Aspekt, der die Gegenwart kennzeichnet, sei noch gesondert auf seine Bedeutung für die Berufungspastoral hin beleuchtet: die Individualisierung. Dieser Begriff fasst verschiedene Phänomene zusammen, die damit zusammenhängen, dass Menschen heute ihre Lebensgeschichte nicht in bereits vorher abgesteckten Bahnen verbringen. Beruf, Familie, Freizeit – vieles bleibt der eigenen Gestaltung überlassen. Es gibt keine Normalbiographie mehr, so wird das Leben besser als Wahlbiographie beschrieben: es ist Gegenstand individueller Entscheidungen.

Die zuvor beschriebenen Suchbewegungen sind nicht zuletzt Folge davon, dass Menschen heute mit dem vorgegebenen Rahmen ihres Lebens auch eine vorgegebene Sinnperspektive abhanden gekommen ist. Die Emanzipationsbewegung der Moderne hat Menschen freigesetzt – und inzwischen ist diese Freisetzung so gründlich erfolgt, dass da etwas fehlt. Menschliches Leben wächst nicht in einen Sinn hinein, sondern muss ihn entwerfen. Vertreter verschiedenster Fachrichtungen, Soziologen, Psychologen, Pädagogen diagnostizieren deswegen einen hohen Orientierungsbedarf in der heutigen Gesellschaft.

Ist es also nur noch eine Frage der Zeit, bis die Menschheit geschlossen zum Wertcodex der Kirche zurückkehrt und sich einen vorgegebenen christlichen Lebensentwurf zu eigen macht, weil sich herausstellt, dass es ohne solche Werte nicht geht? So etwas erwartet wohl kaum jemand, doch man könnte versucht sein zu denken: nun, kaum alle, aber einige werden „reumütig“ zurückkommen, und davon werden einige vielleicht auch im Zusammenhang der Berufungspastoral auftauchen: Menschen, die der Beliebigkeit überdrüssig sind und endlich wieder festen Boden unter den Füssen spüren wollen.

Wenn wir so an die Sache herangehen würden, hätten wir eine Chance verpasst. Um einer authentischen Berufungspastoral willen ist eine differenziertere Antwort zu geben.

Wenn heute von verschiedenen Seiten ein hoher Orientierungsbedarf festgestellt und die Bedeutung von Traditionen und Wertvorgaben neu erkannt wird, dann gerade auch deswegen, weil die Folgen von fehlender Orientierung erkennbar werden. Menschen brauchen Halt, brauchen Abstützungen für ihr Verhalten, Leitbilder. Weil traditionelle „Geländer“ weggefallen sind, kommen Menschen in Gefahr, mit ihrem Lebensprojekt überfordert zu sein. Es gibt Stimmen, die heutigen Menschen vorwerfen, sie würden in der individualisierten Gesellschaft nur zu einer diffusen, chamäleonhaften Patchwork-Identität ohne Tiefe und Zusammenhang finden.
Deswegen der Ruf nach Werten, nach Orientierungen – auch von solchen suchenden, verunsicherten Menschen selbst.

Das kann so weit gehen, dass Menschen froh sind, wenn sie Kompaktangebote im Bereich von Sinn in die Hand bekommen, weil sie allzu gern in ihrer Freiheit entlastet werden. Hier liegt eine Wurzel von verschiedenen Formen des Fundamentalismus, etwa im Bereich von Sekten. Auch innerhalb der Kirche sind wir nicht davor gefeit, dass Menschen genau das suchen: eine nicht mehr hinterfragbare Sicherheit, die sie vom Denken und von eigenständiger Verantwortung für ihr Leben und Handeln dispensiert.

Einer Rückkehr zu christlichen und kirchlichen Werten, die einzig dadurch veranlasst wäre, dass Menschen mit ihrer Freiheit nicht zurechtkommen, müssen wir aber entgegentreten. Es wäre nicht gut, in einer Zeit der Ungewissheit den Glauben geradewegs als sicheren Halt zu verkaufen, und es kann nicht Sinn von Berufungspastoral sein, suchenden Menschen ein Kompaktangebot für einen Lebensweg anzubieten. Ziel muss es sein, Menschen zu helfen, sich in Freiheit an Gott zu binden.
Ich möchte dies unterstreichen, um zur Wachsamkeit einzuladen. Es könnte sein, dass in den kommenden Jahren mehr Menschen nach kirchlicher Einbindung fragen, die ihrer Freiheit überdrüssig sind und die in einer kirchlichen Lebensform einen sicheren Hafen suchen. Wir sollten uns solcher Entwicklungen nicht freuen, sondern müssen dafür sorgen, dass Lebensentscheidungen aus der nötigen Freiheit und in Freude an solcher Bindung zur Freiheit erfolgen, und es ist Sorge dazu zu tragen, dass Menschen, wenn sie sich binden, die Verantwortung für ihr Leben nicht abgeben, sondern gerade entschieden übernehmen.

An einem Beispiel im Kleinen illustriert: eine junge Frau, die sich für eine Gemeinschaft interessierte, lebte schon einmal einen Sommer lang mit, übernahm dabei auch Dienste im Haus. Als sie sich für einen Dienst in einer Liste eintrug, meinte sie: „Hier weiss ich wenigstens, dass ich in jedem Fall etwas Richtiges tue“.
Im alltäglichen Leben gibt es – gerade für junge Menschen, die noch nicht im Berufsleben eingespannt sind – viele Handlungsmöglichkeiten, immerfort muss man sich entscheiden. Das ist anstrengend, da kann auch einmal das Gefühl zurückbleiben: hier hätte ich besser anders entschieden – ich habe eine Chance verpasst – und auch knallhart: das war falsch.
Bedeutet die Entscheidung für eine Ordensgemeinschaft, für einen verbindlichen Lebensrahmen, dass ich einmal eine Entscheidung treffe, und von da an sind mir Entscheidungen abgenommen? Dann kann ich mich darauf ausruhen, dass in diesem Rahmen, den ich als richtig erkannt habe, alles einzelne auch irgendwie richtig ist und dass jedenfalls nicht primär ich die Verantwortung dafür habe?

Es ist damit zu rechnen, dass manche jungen Leute sich heute gerade deswegen für kirchliche Bindungen interessieren, weil sie einen entlastenden Lebensrahmen suchen. Das muss behutsam begleitet werden: der (berechtigte) Wunsch, Orientierung zu finden, ist ernst zu nehmen – der Neigung indes, die eigene Verantwortung abzugeben, ist entgegenzutreten.
Die Sorge, Menschen heute könnten im Projekt der Individualisierung überfordert sein, darf nicht dazu verleiten, eine „Lösung“ vorzuschlagen, die Menschen unterfordert oder ihnen ihre Würde beschneidet. Die Individualisierung ist als solche durchaus positiv zu verstehen, insofern sie in manchem der christlichen Auffassung von der je persönlichen Berufung des einzelnen Menschen durch Gott verwandt ist. Dieses Ur-Christliche darf in der Reaktion auf das gegenwärtige Phänomen der Individualisierung nicht übersprungen werden. Es geht nicht darum, die Individualisierung zu überwinden und abzuschaffen, sondern Menschen so zu stärken, dass sie die Herausforderungen der Individualisierung bestehen können.

Kurz illustriert sei dies an der Sinnfrage, die ja der Berufungsfrage sehr nahe ist: Wenn Menschen nach ihrer Berufung fragen, dann steht dahinter die Frage nach dem sinnvollen Leben. Welcher Weg führt zum Sinn des Lebens?
Es ist oben kommentarlos die Formulierung „Das Leben hat nur dann einen Sinn, wenn man ihm selbst einen Sinn gibt“ als Zeichen dafür genommen worden, dass Menschen sensibel sind für Fragen der Lebensgestaltung. Christlicherseits sind wir schnell geneigt zu sagen, dass Menschen sich bei der Sinnfrage auf diese Weise selbst überfordern. Typische Formulierung bei Fragebögen ist die Alternative zwischen einer Formulierung wie „Sinn wird geschenkt“, „Für mich hat das Leben nur einen Sinn, weil es Gott gibt“ usw. und dem scheinbaren Gegenpol: „Das Leben hat nur dann einen Sinn, wenn man ihm selbst einen Sinn gibt“.
Diese letztere Formulierung ist heute am meisten konsensfähig. In einer neueren Untersuchung in der Schweiz konnten dieser Formulierung 79% aller Befragten zustimmen, der Formulierung „Für mich hat das Leben nur einen Sinn, weil es Gott gibt“, hingegen nur 21,2%.
Manche spielen beide Formulierungen gegeneinander aus und meinen, weil der Sinn etwas mit Gott zu tun hat, könne er letztlich nur als vorgegebener geschenkt und entgegengenommen werden. Eine solch einseitige Betonung einer vorgegebenen Sinnordnung greift aber zu kurz!

Gewiss gehen Glaubende anders in den Individualisierungsprozess hinein als nichtglaubende Menschen; gewiss sieht eine christliche Suche nach dem Sinn des Lebens anders aus als ohne das christliche Vorzeichen. Wenn Individualisierung im Extrem bedeutet: Es gibt keine Vorgaben für mein Leben; ich entwerfe es frei ohne Massgaben, dann müssen und dürfen (!) Christen aus verschiedenen Gründen daran festhalten, dass es Vorgaben gibt – auch und gerade die Vorgabe des Glaubens. Der christliche Glaube lebt auf der Basis einer Vor-Gabe; da ist Erlösung geschenkt, Sinn gestiftet, heilvolles Leben eröffnet.
Dennoch ist christliche Lebensgestaltung nicht Übernahme eines Schemas, das Sinn und Identität dem Subjekt überstülpt. Nicht fertige und sichere Lebenskonzepte und einen abgepackten Sinn haben Christen ihren Zeitgenossen voraus, sondern nur, dass sie ihren Lebensweg auf der Spur einer Einladung, eines Rufes, darum dialogisch gehen. Das ist es, was dem Leben ein neues Skelett gibt, was den aufrechten Gang ermöglicht. Christsein ist nicht zuerst Übernahme eines Codexes von Wertvorstellungen, sondern die Entsprechung zu dem Ruf, der die Freiheit herausfordert: „Lass dich auf mich ein, folge mir nach“. D.h.: „Lass dich auf eine Geschichte mit mir ein, auf einen Weg, den du im Blick auf mich entdecken wirst. Auf einen Weg, der nicht schon in allen Einzelheiten festliegt, sondern den man im Hören und Suchen herausfinden muss“. Die Realisierung der Vorgabe ist der Freiheit aufgegeben: sie soll und darf das Geschenkte auf je eigene unverwechselbare Weise in verschiedene Lebenssituationen hineinbuchstabieren. In diesem Sinne entspricht die Individualisierung unserer Gesellschaft einem Grundzug unseres Glaubens zutiefst. Wenn wir unser Leben auf Gott gründen, dann entmündigt uns dieser Gott nicht, er hält uns nicht schwach, sondern fordert uns heraus, stärkt uns, mutet uns etwas zu. Wir dürfen Stand nehmen in Gott, nicht um uns aus den komplexen Zusammenhängen dieser Welt herauszunehmen, nicht um unsere Freiheit abzugeben. Berufung heisst: Den Anruf Gottes die Mitte des eigenen Lebens sein zu lassen, von dieser Mitte aus fähig zu sein, auf die vielen und manchmal verwirrenden Anrufe seitens der Welt, der Menschen, der Kirche einzugehen. In diesem Sinne ist das Evangelium Chance in unserer Zeit und für unsere Zeit – nicht eine Chance, unserer Zeit und ihren Herausforderungen zu entkommen.

Aus diesem Grund gilt es heute mehr denn je stark zu machen, was Kern des Berufungsgeschehens ist: der unableitbare Ruf Gottes, der auf eine freie Antwort aus ist. Es gehört gerade zu den Chancen, nicht zu den Schwächen der heutigen Zeit, dass Menschen gewohnt sind, nach ihrem persönlichen Weg zu fragen. Daran gilt es anzuknüpfen, nicht an etwaige Fluchtbewegungen.

Diesen Impuls gibt jedenfalls auch der „klassische“ Weg, die eigene Berufung zu finden: die ignatianischen Exerzitien. Dieser Weg ist heute klassisch geworden – er war es zur Zeit des Ignatius von Loyola keineswegs. In den Texten des Ignatius klingt noch durch, dass er neue Wege geht. Da heisst es:
„Wer die Exerzitien gibt, darf den anderen nicht mehr zu Armut und ihrem Versprechen als zum Gegenteil antreiben, und auch nicht eher zu diesem als zu jenem Lebensinstitut; denn, mag es auch ausserhalb der Übungen erlaubt und als Verdienst anzurechnen sein, wenn jemand allen denen, bei denen es angesichts der Personen und ihrer Art wahrscheinlich ist, dass sie geeignet dazu sein werden, dazu rät, die Ehelosigkeit, das Ordensleben und jede andere evangelische Vollkommenheit zu umfangen, so ist es doch weit angebrachter und besser, innerhalb der Übungen selbst dies nicht zu versuchen, sondern eher Gottes Willen zu suchen und auf ihn zu harren, bis der Schöpfer und unser Herr selbst sich der ihm ergebenen Seele mitteilt“ (Exerzitienbuch Nr. 15).
Vor Ignatius herrscht das traditionelle ordo-Denken, das eine klare Hierarchie der Wertigkeit von Lebensformen vorgab. Deswegen konnte man z.B. Kinder ins Kloster geben – damit war nicht nur für Ausbildung und Versorgung gesorgt, sondern auch dafür, dass sie in einem objektiv gottgefälligen, hochwertigen Lebensstand leben würden. Und es ist – so spiegelt sich bei Ignatius – fraglos verdienstlich, jemandem zur Ehelosigkeit, zum Ordensstand, zum Priestertum zu raten.
Ignatius kritisiert diese Auffassung nicht direkt – er umgeht die Auseinandersetzung geschickt, indem er unterscheidet, was innerhalb und was ausserhalb der Exerzitien gilt (zeigt damit aber zugleich an, was seiner Intuition entspricht): Innerhalb der Exerzitien soll man nicht zu einer bestimmten Lebensform raten, und sei sie auch hoch angesehen. Sinnspitze der Exerzitien ist, dass man vorher nicht weiss, worauf sie hinauslaufen. Es gibt nicht ein höchstes Ziel, auf das die Entscheidung fast schon von vornherein zuläuft. (Objektiv auszuschliessen ist lediglich eine Entscheidung für objektiv Schlechtes, für Sünde, oder etwa für die Erlangung eines Amtes oder einer Pfründe nicht zur Ehre Gottes, sondern um des eigenen Vorteils willen: Exerzitienbuch Nr. 16). Entscheidend ist nicht die menschliche, gesellschaftliche oder kirchliche Vorstellung vom Ordo, von der Wertigkeit der Lebensformen, sondern der Wille Gottes. Hier gründet das, was man die ignatianische Indifferenz nennt, wie sie im Prinzip und Fundament ausgesprochen ist: „Deshalb müssen wir uns gegenüber allen geschaffenen Dingen ohne Unterschied verhalten – soweit sie der Freiheit unseres freien Willens unterliegen und ihr nicht verboten sind –, so dass wir, soweit es an uns liegt, nicht Gesundheit mehr suchen als Krankheit, noch Reichtum der Armut, Ehre der Verachtung, langes Leben einem kurzen vorziehen“ (Exerzitienbuch Nr. 32).
Was richtig ist, zeigt sich nicht von einem ordo-Denken her, ist nicht an objektiven Wertskalen abzulesen, sondern muss im Dialog der menschlichen Freiheit mit dem freien Willen Gottes herausgefunden werden . Die Exerzitien wollen einen Raum schaffen, in dem der Wille Gottes sich zeigen und erkannt werden kann. Und nicht zu vergessen: Sie dienen dem Freiwerden (!) dafür.
Beides muss auch die Berufungspastoral als Ziel haben.

Berufungspastoral darf somit nicht der Flucht vor dem Suchen-Müssen Raum geben, sondern ermutigt dazu – auch zu einem langen Atem bei dieser Suche. Es gibt heute nicht nur die Flucht vor der Bindung und Verbindlichkeit, sondern auch (manchmal sogar zugleich) den Wunsch, endlich anzukommen, keine Fragen mehr stellen zu müssen (vor allem den eigenen Weg nicht noch einmal hinterfragen zu müssen). Und „objektiv“ ist es doch keine Frage, dass es gut ist, sich an Gott zu binden. Berufungspastoral muss diesen vorschnellen und manchmal kurzschlüssigen Versuchen, die Suchbewegung abzubrechen, gegensteuern, muss den Unterschied zwischen Bindung an Gott und Bindung in einer konkreten Lebensform bewusst halten, muss Krisen als heilsame Prozesse gutheissen. Sie hat – bevor sie zur Selbstbindung einlädt – dafür zu sorgen, dass die für eine Bindung notwendige Freiheit gewachsen ist. Nur dann kann sie Menschen auf den Weg in das hinein helfen, was authentische Erfüllung ihrer Suche ist: ein Leben in der Nachfolge Jesu.

III. Berufungspastoral zwischen Hilfe zur Identitätsfindung und Rekrutierungspastoral

Nach den eher grundsätzlichen Überlegungen zur Zeitsituation steht die Frage nach konkreten Wegen der Berufungspastoral an.

1. Personales Angebot: Das eigene Überzeugtsein
Der erste Abschnitt wollte zeitspezifische Chancen des Rufes in die Nachfolge aufzeigen. Über erfolgversprechenden Anknüpfungspunkten sollte jedoch nicht vergessen werden, dass die Einschätzung „es lohnt sich, in der Nachfolge zu leben“ in erster Linie am Evangelium festzumachen ist. Dem Evangelium entsprechend zu leben lohnt sich primär deswegen, weil das Evangelium eine kostbare Perle ist, nicht weil es heute wieder aktueller zu werden scheint. Faszinierend ist die Aussendungsperikope in Lk 10,1-12. Die Jünger sollen das Evangelium vom Reich Gottes verkünden, und es wird beschrieben, wie sie das tun sollen, wenn sie aufgenommen werden. Aber es könnte auch sein, dass die Aufnahme ausbleibt. „Wenn ihr aber in eine Stadt kommt, in der man euch nicht aufnimmt, dann stellt euch auf die Strasse und ruft: Selbst den Staub eurer Stadt, der an unseren Füssen klebt, lassen wir euch zurück“. Dann eben nicht, dann gehen wir weiter, Enttäuschung gemischt mit Trotz. „Selbst den Staub eurer Stadt, der an unseren Füssen klebt, lassen wir euch zurück“. Dabei aber bleibt es nicht. „Selbst den Staub eurer Stadt, der an unseren Füssen klebt, lassen wir euch zurück; doch das sollt ihr wissen, das Reich Gottes ist nahe“ (Lk 10,10f). Enttäuschung gemischt mit Trotz, aber vor allem: das Herz ist voll von der Botschaft. Selbst im Fall der Abweisung bleibt letztlich nichts, als noch einmal die gute Nachricht auszurichten.
Ähnliches gilt für den Bereich Berufungspastoral. Das Wichtigste und Entscheidende ist nicht, wie viele Chancen wir uns ausrechnen können, wenn wir mit dem Evangelium oder mit der Einladung, die je persönliche Berufung zu finden und zu leben, daherkommen. Entscheidend ist, ob wir selbst nicht nur überzeugend dafür werben können, sondern selbst ganz überzeugt sind, einen Weg zeigen zu können, der sich lohnt – weil Leben so gelingen kann.
Das ist so selbstverständlich, dass es unterstrichen werden muss, damit es nicht zu selbstverständlich scheint und vergessen wird. Es ist gut, in dieser Hinsicht wach zu bleiben. Im Alltag des Lebens gewöhnt man sich daran, dass man eben so lebt, in dieser Lebensform, mit dieser Aufgabe. Und ausserdem ist da die Bereitschaft, nicht in erster Linie darauf zu schauen, ob ich glücklich bin – wer angetreten ist unter der Überschrift der Bereitschaft und der Selbsthingabe, braucht nicht jeden Abend sorgsam und ängstlich zu fragen, ob es heute genug zum Geniessen gab und Freude und die Möglichkeit, wellness zu pflegen.
Das ist auch nicht gemeint. Etwas anderes ist es aber, ob wir tief im Herzen spüren, dass es in unserem Leben „stimmt“. Solches „Stimmen“ hängt nicht an wellness, sondern hängt daran, ob ich am richtigen Ort bin und ob ich in der grundlegenden Überzeugung lebe, dass mein ganz gewöhnlicher und begrenzter, manchmal schwieriger, anstrengender oder langweiliger Alltag mein Weg zum Leben in Fülle ist. Gewiss hat Nachfolge auch mit Selbstverleugnung zu tun, aber umfangen von dem Vertrauen, dass ich auf diesem Weg in der Gemeinschaft Jesu das Leben gewinne; dass ich meine tiefsten Sehnsüchte nicht zu verdrängen brauche, sondern dass sie erfüllt werden. Da ist wirklich Vertrauen gefragt: nicht ich gewährleiste die Erfüllung, sondern ich lebe in dem Vertrauen, dass mir „alles hinzugegeben wird“. Auf diesem Weg schenken sich dann aber durchaus Erfahrungen solcher Erfüllung, von Freude, Erfahrungen der Stimmigkeit. Für mich ist ein Indiz auch die Dankbarkeit. Wenn ich merke, dass mir die Dankbarkeit – fürs Gebet, für meinen konkreten Weg – abhanden kommt, dann weiss ich: ich muss innehalten und etwas eingehender „revision de vie“ halten.
Wenn das Vertrauen, zum Leben in Fülle berufen zu sein und geführt zu werden, fehlt, geht es meist früher oder später schief. Dann haben Menschen irgendwann den Eindruck, sie hätten etwas verpasst und müssten sich nun endlich selbst alle Wünsche befriedigen, dafür sorgen, dass es ihnen gut geht – und das liegt dann oft sehr einseitig auf der erwähnten wellness-Ebene.
Diese Überlegungen sind wichtig für die Berufungspastoral. Es ist bekannt, dass viel an Personen hängt, an der Glaubwürdigkeit der Personen: am „personalen Angebot“. Wer in der Berufungspastoral tätig ist, muss auf sich selbst achten und Verantwortung tragen, um nicht zum Werbetechniker zu werden, der anderen etwas anpreist, woran er selbst nicht (mehr) glaubt. Nur wer selbst ganz auf den rufenden Gott setzt in dem Vertrauen, dass sich das lohnt, kann und darf andere Menschen auf einen solchen Weg einladen.

2. Den Boden bereiten
Berufungspastoral zwischen Rekrutierungspastoral und Identitätsfindung ... Es ist anfangs von dem weiten Ansatz der Berufungspastoral die Rede gewesen, der es verbietet, diese direkt auf eine bestimmte Lebensform abzustellen. Eine Rekrutierungspastoral verbietet sich auch deswegen, weil nicht die kirchlichen Verantwortlichen Menschen für Orden, für Dienste in der Kirche, für engagiertes christliches Leben rekrutieren. Es ist Gott, der ruft – und wohin er ruft, das ist im Hören herauszufinden.
Es gibt noch einen dritten Grund, warum es nicht direkt um Rekrutierungspastoral gehen kann. Wenn der rufende Gott wie ein Sämann ist, der seinen Samen aussät, dann sind einige vorbereitende Arbeiten auszuführen. Es gilt, den Boden zu bereiten; bevor man sät, muss man den Boden pflügen.
Berufungspastoral ist nicht Subjekt des Rufens – Sämann der Aussaat ist Gott –, Berufungspastoral bereitet den Boden. Das gilt heute wohl in besonderem Masse, insofern vielfach erst die Grundhaltungen eingeübt werden müssen, die für das Hören und das Sich-Binden Voraussetzung sind.

Bei allen Chancen, die der Ruf in den Glauben und die Nachfolge heute hat (siehe Abschnitt I.), es gibt auch Schwierigkeiten, die sich – mehr als früher? anders als früher! – in den Weg stellen. In dieser Situation sind verschiedene Aspekte wichtig. Ich möchte davon als von Botschaften sprechen, die in der Berufungspastoral enthalten sein sollten.

(a) „Dein Leben ist kostbar – geh verantwortlich damit um“ (Aktivierung)
Sinn erhält man geschenkt, man kann ihn nicht machen? – Das Leben hat nur den Sinn, den man ihm gibt!
Bei genauem Hinsehen haben Menschen heute oft noch viel zu wenig begriffen, wie wahr der zweite Satz ist. Es kommt entscheidend darauf an, wie man ihn interpretiert. Vielfach kommt dabei heraus: Das Leben hat nur den Sinn, den man aus den verschiedenen Sinnangeboten zusammenstellt. Dabei bleibt das Ich jedoch letztlich nur oberflächlich beteiligt – und es könnte sich recht plötzlich und schmerzlich herausstellen, dass dieser Sinn sehr wenig mit mir zu tun hatte, so dass er mir auch abrupt wieder genommen werden kann. Sinn lässt sich nicht hier und dort pflücken und verzehren, wie Äpfel vom Baum.
Ist nicht Sinn viel stärker mit der eigenen Identität zusammenzuschauen? Das würde auch erhellen, wie Sinn Gabe und Aufgabe zugleich ist. Dass ich bin, das ist mir geschenkt; und wir Christen glauben, dass wir in unserem Dasein bedingungslos angenommen und gutgeheissen sind – das ist die beglückende Sinn-Vorgabe, von der aus wir leben dürfen. Aber das ist eine Vorgabe, die ausgefüllt werden will. Es gab da in meinem Leben als Vorgabe ein so grosses Geschenk, dass es auch viel zu verlieren gibt!
Ich bin, und das ist gut so. Mein Dasein ist aber nicht nur ein Punkt, sondern hat eine Geschichte mit vielen Facetten, und es kommt darauf an, ob ich daraus Facetten meines Lebens mache. Für diese Herausforderung ist der Begriff der Stimmigkeit sprechend – ein Begriff, der ja durchaus zur Umgangssprache gehört in der Wendung: „das stimmt für mich so“. Es geht um die Stimmigkeit, die mein Leben prägt (oder nicht prägt). Stimmigkeit meint nicht einfachhin Harmonie, meint aber, dass es in meinem Leben eine Mitte gibt, von der sich die Begebenheiten des Lebens ordnen lassen können, eine Mitte, die für alles gleichsam ein Gravitationszentrum ist. Alles soll eine Schwerkraft zur Mitte bekommen; und in dem Masse, wie ich für mein Leben eine solche Mitte gefunden habe und fähig geworden bin, diese Mitte auch wirklich Mitte – Bezugspunkt für alles – sein zu lassen, kann die Stimmigkeit wachsen. Da fällt mein Leben nicht auseinander in verschiedene Bereiche, die miteinander nichts zu tun haben, sondern alles darf zusammen klingen. Dissonanzen bleiben dabei nicht aus, aber ich erhalte die Kraft, sie auszuhalten und zu verstehen, wie sie zur Symphonie meines Lebens eben auch dazugehören.

„Das Leben hat nur den Sinn, den man ihm gibt“, dieser Satz hätte dann eine sogar sehr radikale Bedeutung: „Dein Leben hat nur dann einen Sinn, eine Richtung, wenn du dich bemühst, alles von einer Mitte her zu gestalten. Nur dann wirst du nicht gelebt, sondern lebst“.

Berufungspastoral muss in diesem Sinn eine zweifache Botschaft vermitteln:
Die erste: dein Leben ist kostbar.
Die zweite: hab Ehrfurcht davor, geh verantwortlich damit um. Durchaus mit der dunklen Kehrseite: du kannst dein Leben auch verpassen, es gelingt nicht in jedem Fall.

Es geht nicht darum, Angst zu machen. Aber wir sehen heute, dass viele Biographien eben tatsächlich gebrochen bleiben. Das muss man jungen Leuten, wenn sie es nicht ohnehin selbst merken, auch sagen dürfen.
Was wir tun können, ist jungen Menschen helfen, die Verantwortung für ihr eigenes Leben wahrzunehmen im doppelten Sinn von Wahrnehmung und Realisierung. Es gilt, die Einsicht zu fördern, dass es eine Verantwortung zu übernehmen gibt, und zugleich den Mut zu wecken, dieser Verantwortung auch zu entsprechen, Verantwortung zu übernehmen.

Gerade im Blick auf die tatkräftige Realisierung tun sich manche Menschen heute schwer, und das ist wohl eine zeitspezifische Schwierigkeit.
Menschen müssen heute ihre Biographie weithin selbst entwerfen. Sie haben die Freiheit, selbst zu wählen, wie sie ihr Leben gestalten sollen. Vorgegebene Bindungen gibt es wenige, und wenn es sie gibt, werden sie durchaus gerne verdrängt.
Jungen Menschen wird es gerade deswegen schwer, von einer Situation des Wählenkönnens überzugehen zu einer Wahl, einer Entscheidung und einer Bindung, die dazu führen würde, dass die vielen Wahlmöglichkeiten hinter ihnen liegen und die getroffene Wahl ihren Lebensweg einengt. Es scheint komfortabler zu sein, sich so lange wie möglich die vielen Möglichkeiten offen zu halten. Es gibt da eine Angst, etwas zu verpassen, wenn man sich festlegt.
Und so macht sich eine Mentalität des „Vor-sich-hin-Lebens“ breit. Entscheidungen werden verharmlost, weil sie heute auch nicht mehr so langlebig scheinen oder es in vielen Lebensbereichen auch wirklich nicht mehr sind. So sind viele Menschen nicht in dem Beruf tätig, den sie erlernt haben und wechseln ihre Tätigkeit während ihres Lebens mehrfach; die klare Abfolge von Ausbildung und Beruf ist ohnehin nicht mehr so deutlich gegeben . Flexibilität im Berufsleben ist heute alles – und das prägt auch sonst die Lebenseinstellung. Wenn man gelernt hat, damit umzugehen, kann das gelingen, kann das zu einer gleichwohl stimmigen Biographie führen. Bei jungen Menschen kann aber das Gefühl entstehen: es kommt gar nicht darauf an, was ich tue, wofür ich mich entscheide – ob ich mich überhaupt entscheide und mich verbindlich auf etwas einlasse. Und darüber verstreicht ihr Leben, ohne dass sie eine (für sie selbst und für andere) sinnvolle Aufgabe gefunden haben.

Wichtig ist in der Berufungspastoral heute eine Hilfe zur Entscheidung. Dabei geht es heute oftmals nicht gleich um das „wofür“, sondern um das „ob“. Berufungspastoral muss helfen, das Wählen zu lernen. Sie muss nahebringen, dass Freiheit eingesetzt werden muss, weil Leben nur Tiefe bekommt, wenn ich mich engagiere und engagieren lasse. Berufungspastoral muss zu der Einsicht helfen, dass eine Identität Entschiedenheit voraussetzt und in einem Prozess des Sich-Engagierens gewonnen wird. „Identität entsteht langsam. Das Material dafür wird überall gefunden. Aber sie entwickelt sich echt erst dann, wenn wir uns ‚widmen’, uns ‚an etwas hingeben’, uns mit einer Idee ‚identifizieren’, die im Menschen fühlbar wird“ . Wir müssen uns widmen. Wir wachsen nicht an der Vielfalt der Möglichkeiten, sondern daran, dass wir uns auf eine Möglichkeit ganz einlassen. Es gibt nicht nur die Reise in die Breite, sondern auch die Reise in die Tiefe – vielleicht kann man jungen Menschen die Einsicht vermitteln, dass es auch da etwas zu verpassen gibt, mit fatalen Konsequenzen.

(b) „Halt Ausschau, was Gott mit dir vorhat“ (Verweisen)
Es ist heute – auch für gläubige Christen – nicht selbstverständlich, mit Gott sehr konkret zu rechnen. In seinem Buch „Handelt Gott, wenn ich ihn bitte“ spricht Karl-Heinz Menke von einer „fortschreitenden Transzendierung Gottes“. In dem Masse, wie Gott zur Erklärung natürlicher und geschichtlicher Phänomene nicht mehr benötigt wird, verliert sein Wirken auch in religiösen Kontexten an Plausibilität. Theologiegeschichtlich hat sich in der Neuzeit die Strömung des sog. „Deismus“ entwickelt. Die Erforschung der Welt machte Gott in manchen Zusammenhängen, in denen er früher noch gebraucht wurde, verzichtbar. Klassisches Beispiel ist die Erfindung des Blitzableiters, der es erübrigte, Gott um Schutz vor dem Blitz zu bitten. Folge war nicht gleich ein atheistischer Verzicht auf Gott, doch er wirkt in diesem Zusammenhang eher wie ein Uhrmacher, der die Uhr fabriziert hat, die nun ohne ihn gut läuft. Gott ist noch da, aber weit weg über der Welt, er hat mit ihr nichts mehr zu tun.

Das sind nicht nur Fragen, die mit der Schöpfungstheologie zu tun haben und beeinflussen, wie man im Grossen das Verhältnis von Gott und Welt denkt. Es gibt auch so etwas wie einen kirchlichen, pastoralen und einen spirituellen Deismus. Wie ernsthaft rechnen unsere Pastoralpläne in Diözesen und Gemeinden mit Gott? Wie ernsthaft rechnen unsere Planungen im Orden mit Gott? Wir ernsthaft rechnen wir selbst in unserem eigenen Leben mit Gott?

Selbst bei denjenigen, die noch christlich erzogen sind, ist keineswegs selbstverständlich, dass sie eine personale Beziehung zu Gott haben, dass sie Gott als den sehen, der konkret etwas mit ihnen vorhat. Die Beziehung zu ihm ist zumeist kaum stark genug, um eine Lebensgeschichte zu formen und zu tragen, um Verbindlichkeit zu schaffen.

Es wird heute viel über Verbindlichkeit nachgedacht, weil deutlich geworden ist, dass äussere Instanzen dafür, ob jemand sich Werte aneignet, nur noch wenig Bedeutung haben. Wir müssen als Kirche lernen, dass es nicht weit trägt, der unverbindlichen Lebenseinstellung vieler Menschen die notwendige Verbindlichkeit vorzuhalten, welche die Kirche fordert. Ein äusserliches Gebundenwerden genügt nicht. Verbindlichkeit kann heute „nicht in der Institution Kirche, sondern [muss] beim Individuum“ festgemacht werden (A. Dubach). Wenn aber beim Individuum, dann ist zu fragen, aus welchen Bezügen das Individuum die Kraft zu solcher Verbindlichkeit nimmt. Biblisch ist es der Bundes-Gott, der zu Verbindungen – Verbindlichkeiten einlädt!

Auch im Bereich der Berufungspastoral müssen wir damit rechnen, dass Menschen mit ungeklärten Erwartungen kommen und nicht schon eine so geprägte Beziehung zu Gott, eine so lebendige Christusbeziehung haben, dass es ihnen direkt darum geht, seinem Ruf zu entsprechen. Den Beginn einer Berufungsgeschichte ohne Beziehung zu dem rufenden Gott mag es auch früher schon gegeben haben, aber heute ist dieses Fehlen problematischer, weil im heutigen Kontext eine Berufungsgeschichte ohne Ruf nicht hinreichend trägt. Berufungspastoral wird hierauf ein Augenmerk richten müssen.
Es gibt Menschen, die sich etwa für das benediktinische Ordensleben interessieren, weil sie die ruhige Ordnung fasziniert. Man könnte sagen: sie werden von der kulturprägenden Kraft des Benediktinischen angezogen. Andere suchen in einer Zeit der Vereinzelung die Gemeinschaft. Das alles ist nicht schlecht, aber die Berufungspastoral wird Wege suchen müssen, wie ein spiritueller Deismus überwunden wird, wie eine solche Suchbewegung auf den Weg der Nachfolge führt, die sich am erhöhten Herrn orientiert und seine Gemeinschaft sucht.

Berufungspastoral muss den Mut wecken, mit dem Ruf Gottes zu rechnen, und das Vertrauen stärken, sich darauf einzulassen. Dazu drei konkrete Anmerkungen.

• Ehrfurcht vor dem Beziehungsgeschehen zwischen Gott und einem Menschen
Mut wecken, mit dem Ruf Gottes zu rechnen – hier kommen die Begleitpersonen noch einmal in den Blick.
Das Wichtigste, was Begleiter und Begleiterinnen in einem „Berufungsprozess“ mitbringen müssen, ist die Ehrfurcht vor der Beziehung zwischen Gott und der begleiteten Person. Als Begleitperson sind sie „Dritte“, die Person, die dabeisteht. Sie müssen damit rechnen, dass junge Menschen zu ihnen kommen und die Begleitung als Zweierbeziehung und Zweiergespräch ansehen. Sie bringen ein grosses Vertrauen mit, grosse Offenheit, Bereitschaft, jeden Rat anzunehmen. Das ist schön, aber gefährlich, und die Begleitenden müssen auf der Hut sein. Aus Gesprächen mit ihnen dürfen junge Menschen nicht mit vielen guten Ratschlägen und Weisungen hinausgehen, sondern als auf Gott Verwiesene. Die Samuel-Eli-Geschichte sollte von Begleitpersonen verinnerlicht werden. Nicht sie haben die Antwort zu geben, sondern auf den redenden Gott zu verweisen (1 Sam 3,9), sie müssen Mut machen, Beharrlichkeit fördern, auf Gott zu hören.

An den Begleitpersonen zuerst müssen die Suchenden ablesen können, dass es auf Gott zu hören gilt. An deren Ehrfurcht vor der Beziehung Gottes zu ihnen müssen sie selbst diese Beziehung entdecken können.

• Bilder suchen, die anleiten, „auf Gott zu harren“
Es ist gut, in der Berufungspastoral Bilder, Vorstellungen, Aussagen zu suchen, die ganz klar machen: Wir erwarten die Antwort, die Richtung, von einem anderen, es geht nicht um Lebensplanung mit Kalender, Taschenrechner und einem Versicherungsbeamten, sondern um das Hören, voll Erwartung dessen, der da kommt und uns seine Wege führt.

Für mich ist ein solches Bild das von einem Musikinstrument, das einen Spieler braucht, der es versteht, aus ihm die Lebens-Melodie zu entlocken. Klaus Hemmerle skizziert dieses Bild in Anlehnung an die Äusserung eines Jugendlichen: „Gemeinschaft mit Jesus ist, wie wenn ein Musikinstrument endlich den findet, der es spielen kann“ (K. Hemmerle).
Ich bin ein Musikinstrument – etwas Schönes, etwas, aus dem Schönes hervorgehen kann. Und ich sehe mich – voller Erwartung: es muss doch einen geben, der mich spielen kann!

Ein starker Verweis auf Gott steckt auch in dem Wort von Ignatius von Loyola:
„Nur wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich der Führung der Gnade rückhaltlos übergäben“.
Ein Wort, das aufträgt, Gott ernst zu nehmen. Er will am Werk sein!

Es braucht solche Worte, solche Bilder, damit man innehält und intensiv darauf gestossen wird: ich muss das eigene Leben Gott hinhalten und auf seine Antwort, auf sein Wirken, auf seine behutsame Hand warten. Was da kommt, das kann und darf ich nicht manipulieren. Ich muss Gott so ernst nehmen, dass ich auf ihn warte und nicht seinen Part möglichst bald irgendwie anders ausfülle. Die Antwort auf die Frage nach dem, was mein Leben sein soll, kann ich aus keinen allgemeinen Vorgaben ableiten, das muss (darf) ich in der Beziehung zu ihm zu suchen. Gewiss: da ist ein Rahmen, der für alle gilt – doch wie ich diesen Rahmen auf meinem persönlichen Lebensweg ausfüllen soll und darf, das muss ich, darf ich, mir von Gott zeigen lassen.

Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Berufungspastoral, dazu anzuleiten! Man muss dazu Mut machen – und dazu das Vertrauen wecken.

• Vertrauen
Wenn das Hören auf die Stimme Gottes gelingen soll, ist das Vertrauen eine ganz wichtige Voraussetzung. Zugleich erweist sich in dem Vertrauen, wie überzeugt ich wirklich bin, dass Gott gross und gut genug ist, um für das Gelingen meines Lebens Sorge zu tragen.

Berufungspastoral soll den Prozess begleiten, in dem ein Mensch für sich die Frage nach seiner Berufung klärt. Damit das gelingt, ist auf seiten der Suchenden grosse Ehrlichkeit, eine grosse Bereitschaft, zur Wahrheit des eigenen Lebens zu finden, notwendig. Auf Berufung setzen heisst glauben, dass Gott in seinem Herzen eine persönliche Geschichte mit mir bereit hält, und heisst zugleich vertrauen, dass dem Ruf Gottes folgen bedeutet: zur Wahrheit des eigenen Lebens finden, gelingendes Leben zu finden.

Basis für alles Bemühen, den eigenen Lebensweg zu finden, ist Vertrauen: Vertrauen, durch Gott zum Sinn und zur Wahrheit des eigenen Lebens zu finden, Vertrauen, durch die Treue zu diesem Lebensweg Leben in Fülle zu finden – glücklich zu werden. Ich muss mich nicht gegen mich selbst für einen Weg mit Gott entschliessen, sondern darf vertrauen, auf einem Weg mit Gott auch mich selbst – in allen meinen Dimensionen – erst in Wahrheit zu finden.
Von diesem Vertrauen hängt die Bereitschaft ab, mir die Frage nach meinem Lebensweg auch wirklich von Gott beantworten zu lassen.

Natürlich wird kaum jemand, der sich auf Gott eingelassen hat und einlassen will, sagen: zeig mir, was du willst – ob ich das dann tue, überlege ich mir noch mal. Es ist auch eigentlich klar, dass die zuversichtliche bereite Suche eine aufrichtige Frage voraussetzt, die Bereitschaft, diese Frage auch wirklich von Gott beantworten zu lassen. Aber die Hörbereitschaft und vor allem Hörfähigkeit hängt von viel tieferliegenden Einstellungen ab.

Da versucht jemand, seinen Weg zu finden und zu gehen, aber unterschwellig hat er Angst, es könnte sich diese oder jene Wendung des Weges zeigen. Angst jedoch hat mit Enge zu tun, sie verengt den Blick – sie verengt den Blick für die Wahrheit des eigenen Lebens. Es gibt Wege im Leben, die wider besseres Wissen gegangen werden, nur weil sich jemand nicht getraut, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Berufungswege sollten in dem Vertrauen gegangen werden, dass dann, wenn ich das tue, was ich als richtig erkannt habe, die grössere Weite auf mich wartet, als wenn ich versuche, mich um das Erkannte herumzudrücken.

Wer zur Ehe berufen ist, und dennoch Kartäuser wird, weil er möglichst radikal Nachfolge leben will, darum den strengsten Orden, den es gibt, wählt – der wird dort sein Glück nicht finden und auch nicht die Wahrheit seiner Nachfolge, die darin liegen würde, radikal christliche Ehe zu leben.
Wer zur Ehelosigkeit berufen ist, aber davor wegläuft, weil er Angst hat, vor Einsamkeit, vor Verzicht, wird das Glück doch nicht in der Ehe finden.

Um in aller Offenheit – in recht verstandener Indifferenz – zu suchen, braucht es das Vertrauen: Gottes Wille ist das Gute für mich – vor ihm wegzulaufen, zu verdrängen, was ich als wahr erkannt habe, würde mich in die Unwahrheit, in die Lebenslüge hineinführen, und die lohnt nicht, sie ist nicht tragfähig. In der Lüge ist kein Frieden zu finden. Jeder Versuch, gegen die eigene Lebenswahrheit etwas durchsetzen, Glück erobern zu wollen, führt in Sackgassen.
Wer nach der Wahrheit, in die Gott ihn hineinruft, sucht, aber unterschwellig Angst vor dem Ergebnis hat – und das spürt man meist sehr gut –, muss erst zu diesem Vertrauen zurückfinden – dazu soll Berufungspastoral helfen. D.h.: manchmal stehen nicht Klärungsprozesse an, sondern eher „vertrauensbildende Massnahmen“.

Angst und Verdrängung von erkannter Wahrheit sind schlechte Ratgeber. Etwas anderes ist es mit dem Zweifel, der als echte Frage: „Ist das überhaupt das Richtige?“ ein vorantreibender Stachel auf die Wahrheit hin ist. Dem Zweifel geht es um die Wahrheit, und er hat nicht Angst vor der Wahrheit, sondern im Gegenteil Sorge, dass sich ein Irrtum breit machen könnte; darum setzt er ein Fragezeichen hinter eine Entscheidung, hinter einen eingeschlagenen Weg. So gesehen ist ein Zweifel etwas Gutes: er klärt in jedem Fall zum Positiven. Entweder er stellt sich als unbegründet heraus – dann war ich auf einem guten Weg zur Wahrheit und kann weiter darauf bleiben – oder er war begründet, dann finde ich durch den Zweifel zur Wahrheit.

Berufungspastoral hilft, Prozesse auf der Wegsuche, die manchmal auch schmerzlich sein können, durchzustehen, und darin ehrlich zu bleiben. Wir müssen immer wieder die Überzeugung nahe bringen, dass man wirklich glücklich nur in der Wahrheit des eigenen Lebens werden kann. Das ernst nehmen kann, wer zu dem Vertrauen gefunden hat, dass Gott für uns mit der Wahrheit unseres Lebens auch das Glück, die Fülle, die Freude bereit hält.

(c) „Werde achtsam im Alltag“ (Erdung)
Es ist Aufgabe der Berufungspastoral, den Boden zu bereiten. Sie wird in diese Aufgabe die betreffenden Personen selbst einbeziehen müssen: Sie selbst müssen zur Erdung finden.

Berufungspastoral wird das Bewusstsein für die Bedeutung der Alltäglichkeit wecken, wird Suchbewegungen und Lebensbewegungen erden müssen.
Das ist in mehrfacher Hinsicht wichtig. Es ist wichtig für die Frage, wie jemand seine Berufung findet. Für Berufung kann man sich nicht auf Privatoffenbarung stützen, sondern muss im Alltag wachsam sein, wohin die Zeichen weisen.
Das ist aber auch dafür wichtig, wie jemand fähig wird, der eigenen Berufung dann auch zu folgen.
Letztlich geht es vielfach um Menschwerdung, um Selbsterkenntnis, Einsicht in eigene Motivationen und Abhängigkeiten, um das Erlernen von Verlässlichkeit, Durchhaltevermögen.
In diesem Sinne wird es inmitten der Höhenflüge der Träume von der Zukunft auf diesem oder jenem Weg Aufgabe der Berufungspastoral sein, auf den Alltag zurückzuweisen, sie wird Menschen dazu hinführen müssen, ganz geduldig das eigene Leben in neue Bahnen zu lenken.

Das heisst konkret zum Beispiel: auch wenn jemand noch so gern gleich in einen Orden eintreten möchte, ihn dazu motivieren, erst einmal eine Ausbildung abzuschliessen, oder eine Situation, in der er steht, auszuhalten.
Berufungspastoral muss aufmerksam machen für ganz pragmatische Aspekte von Spiritualität: es geht bei Spiritualität um die Art, in der wir unser tägliches Leben einrichten (H. Andriessen). In einer soziologischen Studie wird Spiritualität als „Religion aus erster Hand“ definiert; sie sei eine Reflexion, die das Individuum in einen Prozess einbindet“ (R. Campiche). Damit ist verlangt, von Spiritualität nicht nur zu sprechen, sondern sie, ggf. sehr mühsam, einzuüben. Schon Ignatius hat gewusst, dass es Übungen braucht, um die Freiheit und die Entschiedenheit für den Willen Gottes einzuüben und um die Entscheidung zu verinnerlichen!

3. „Hausaufgaben“
Der Abschnitt begann mit einem Blick auf die Verantwortlichen in der Berufungspastoral. Zu schliessen ist mit einer ähnlichen Blickrichtung, diesmal aber nicht verengt auf einzelne Verantwortliche, sondern geweitet auf die kirchlichen Gemeinschaften, in die hinein Berufungen führen. Berufungspastoral kann nicht Sache von einzelnen sein, Pfarreien, Ordensgemeinschaften sind einzubeziehen und mit Anliegen (und Schwierigkeiten) vertraut zu machen.
Die Zeit, in der man nach der eigenen Berufung sucht, ist eine anstrengende Zeit, eine zermürbende Zeit, aber auch eine schöne Zeit; eine Zeit intensiven Betens, intensiven Suchens und Fragens, da ist viel auf der Beziehungsebene „abgelaufen“. Gewiss, nicht jede Zeit des Lebens kann in dieser Weise intensiv sein, so wie Paare in der Regel nicht ihr ganzes Leben lang in einer „verrückten“ Weise verliebt sind wie am Anfang, so wie die Flitterwochen eben nur Wochen sind. Und doch wäre es nicht gut, wenn man von „Berufung“ in diesem faszinierenden Sinn: „ich – gerufen – Gott – ruft mich (!?!)“ nur in der Zeit spricht, in der sich diese Berufung klärt – und danach verläuft alles in festen Bahnen, und von der Herausforderung zur Achtsamkeit, wie sie am Anfang gefordert war, bleibt nicht mehr viel.

Dass das nicht so ist, hängt an den einzelnen – ob sie die Beziehung, die in der Zeit des ersten Hörens auf den Ruf so kostbar ist, auch weiter pflegen.
Dass das nicht so ist, das hängt aber auch an den Gemeinschaften. Es kann der Berufungspastoral nicht darum gehen, fertige Sinn- und Lebenspakte zu verkaufen. Das intensive Hören und Suchen nach dem eigenen Weg, das in der Zeit der Berufungsklärung eingeübt und gepflegt wurde, darf nicht hinterher schon durch die Rahmenbedingungen überflüssig werden. Auch das Leben in einer geprägten kirchlichen Lebensform ist nicht eine „Normalbiographie“, die einer Norm entspricht. So sollte es auch in Ordensgemeinschaften möglich sein und als wichtig empfunden werden, dass die einzelnen je neu hören, was Gott von ihnen will. In Pfarreien und Diözesen sollte eine Atmosphäre herrschen, in der die Hauptamtlichen einander auch gegenseitig helfen, ihren Dienst als Berufungsgeschichten zu leben.
Berufungspastoral ist nicht zu verengen auf eine bestimmte Gruppe von Menschen. Sie ist auch nicht zu verengen auf die jeweiligen Weg-Anfänge. Auch diejenigen, die auf dem Weg sind, bedürfen der Begleitung und je neuen Ermutigung, auf der Spur des Rufes zu bleiben – auf dass Faszination und Freude nicht verloren gehen.

21.08.2008


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