Theologische Hochschule Chur

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Was Wiedereingetretene der Kirche zu sagen haben   

Von Eva-Maria Faber

Zu: Doris Michel-Schmidt: Mein Weg zurück in die Kirche. Wiedereingetretene berichten. Würzburg: Echter, 2003. 134 S. / sFr. 17.70; Euro 9.90 (D) / ISBN 3-429-02509-5.


Ist Religion unter die Tabudecke gekrochen (9)? Ja und nein. Gewiss spricht man mehr über die Abkehr von der Kirche als von der Rückkehr zu ihr. Doch religiöse Lebenswenden nicht nur hin zu Religiosität, sondern durchaus auch zum verfassten Christentum, zur Kirche beginnen wieder zu interessieren. Im vergangenen Jahr erschien ein Buch unter dem Titel „Die Konvertiten. Über religiöse und politische Bekehrungen“ (von Christian Heidrich). Ging es hier noch um eher spektakuläre Bekehrungen (etwa die von André Frossard, Edith Stein, Alfred Döblin), so thematisiert das Buch von Doris Michel-Schmidt „gewöhnlichere“ Rückkehrwege. Die Autorin, eine freie Journalistin, ist selbst eine derjenigen, die aus der Kirche ausgetreten war, den Weg aber wieder zurückgefunden hat. Danach hat sie um sich geschaut, wie es anderen Menschen ergangen ist, die einen solchen Weg gegangen sind. „Ich wollte wissen, wie sie aufgenommen wurden. Wie es ihnen erging, als sie wieder drin waren. Was sie erwartet hatten. Was sie gefunden haben. Und vor allem: Was sie nicht gefunden haben (11).

Mit der letzteren Formulierung klingt an, dass das vorliegende Buch auch ein Appell an die Verantwortlichen in der Kirche sein will. Die Autorin vermisst in den Kirchen eine grössere Aufmerksamkeit für diejenigen, die sich – oftmals mit gemischten Gefühlen – wieder der Kirche zuwenden wollen. Dabei sei es eine beachtliche Anzahl: Im Jahr 2000 nahm die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) 61.497 Erwachsene auf (Wiedereintritte, Übertritte, Erwachsenentaufen), bei der katholischen Kirche in Deutschland seien 15.471 Eintritte (8171 Wiederaufnahmen, 3842 Konversionen, 3458 Erwachsenentaufen) zu verzeichnen gewesen. Am grössten ist dabei die Gruppe der 30-39jährigen. Kommentar der Autorin: „Wenn sich fast 80.000 Menschen jährlich dazu entscheiden, in die Kirche einzutreten, warum hört man in den Medien kaum etwas davon?“ (23f). Doch nicht nur die Aufmerksamkeit fehle, auch ein Entgegenkommen nach Art des barmherzigen Vaters im Gleichnis. „Wieso fällt es der Kirche so schwer, es diesem Vater gleichzutun?“ (19). In den meisten Fällen begegne den Wiedereintretenden höchstens gleichgültige Ignoranz; die „psychische Befindlichkeit eines Rückkehrers“ werde nicht sehr einfühlsam wahrgenommen.

Die fehlende Aufmerksamkeit will das Buch in einer Einführung wecken, um im Hauptteil des Buches aufgrund von Interviews Beweggründe und Erfahrungen von zwölf Wiedereingetretenen (7 ev., 5 kath.) zu schildern. Dabei wird deutlich, was Regionalbischof Karl-Heinz Röhlin so zusammenfasst: „Viele Ausgetretene sind Enttäuschte, die Suchende geblieben sind“ (zitiert 27). Ein katholischer Pfarrer, der in Köln eine Stelle für Glaubensinformation betreut, sieht bei manchen Lebenswegen sogar eine Führung Gottes am Werk: er habe manchmal den Eindruck, „Gott habe diesen Menschen einen Weg geführt, der den Kirchenaustritt mit eingeschlossen hat. Bei denen ich das Gefühl habe: Dieser Mensch musste diesen Schritt gehen, um weiterzukommen“ (134). Eine interviewte Person sagt im Rückblick: „Der Herrgott hat sich möglicherweise meiner erbarmt, hat gesagt: ‚Ich nehm dich jetzt da raus für eine gewisse Zeit, schau nicht hin, was da passiert, dann kommst du vielleicht eines Tages einigermassen unbeschadet wieder zurück“ (46; vgl. auch 65).
Für mehrere der interviewten Personen ist die Frage nach der religiösen Beheimatung der eigenen Kinder ein Auslöser gewesen. Hier kehrt sich die traditionelle Argumentation („ich lasse mein Kind nicht taufen, damit es sich einmal selbst entscheiden kann“) geradezu um. Ausgetretene Eltern wollen ihre Kinder taufen lassen: „Ich wollte, dass die Kinder zumindest die gleiche Chance haben sollten wie ich: nämlich einmal aus der Kirche auszutreten. Das klingt vielleicht paradox, aber ich glaube, es ist leichter, sich von etwas bewusst zu trennen, als wenn man gar nichts kennen gelernt hat“ (48; vgl. 55: „Ich wollte ihm das nicht vorenthalten, was für mich einmal wichtig gewesen war“).

Die Wiedereingetretenen begegnen ihrer „wiedergefundenen“ Kirche dabei durchaus nicht unkritisch. Die Kirche müsse anders auftreten, damit sich Entfremdete angesprochen fühlen. Sie vermittele den Eindruck, als spreche sie nur die Armen, die In-Not-Geratenen an, „als wende sie sich nur an die, die nicht mehr weiter wissen, und als hätte der, der gesund und erfolgreich ist, dort nichts zu suchen“ (83). Ärgerlich sei auch, „dass sogar mancher Weihnachts- oder Ostergottesdienst derart unprofessionell und katastrophal uninspiriert daher kommt, dass die Leute nur abgestossen werden können. ‚Gerade diese Gottesdienste stellen doch den ‚Flagshipstore’ der Kirche dar! Da muss ich alles in den Korb werfen, was ich aufzubieten habe. Wann sonst hab ich so viele ‚Ungläubige’ in der Kirche sitzen, die ich überzeugen kann? Die müssten doch richtig fassungslos werden darob, was ihnen da geboten wird ...’“ (84).

Drei Interviews mit Pfarrern, die durch ihre Arbeit vermehrt mit Wiedereintretenden zu tun haben, beschliesst das Buch. Hier kommt wohltuende Zuversicht zu Wort. „Die Kirche muss sich wieder klar darüber werden, nicht nur was sie will, sondern was sie soll. Dieser Auftrag muss nicht neu formuliert werden, der ist vorgegeben. Wir haben die beste, frohmachende und tröstende Botschaft, die es überhaupt auf der Welt gibt. Aber wir müssen sie authentischer vermitteln und dafür sollten wir alle Fantasie in Bewegung setzen und alle möglichen Wege beschreiten“ (127).

02.05.2007


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