Theologische Hochschule Chur

Internet-Zeitschrift

„Man kann nur gerne Theologe sein“   

Von Eva-Maria Faber


„Welche Urbarbarei wäre ... dazu nötig, dass einem die Theologie unlustig werden oder sein könnte?
Man kann nur gerne, mit Freuden Theologe sein oder man ist es im Grunde gar nicht.
Grämliche Gesichter, verdriessliche Gedanken und langweilige Redensarten können gerade in dieser Wissenschaft unmöglich geduldet werden“
(Karl Barth, schweizerischer reformierter Theologe, 1886-1968: Die Kirchliche Dogmatik. Bd. 2/1: Die Lehre von Gott. Zollikon-Zürich: Evangelischer Verlag, 1940, 740).

„Man kann nur gerne Theologe sein“. Karl Barth bezieht diese Aussage auf die wissenschaftliche Theologie. Sie lässt sich mit guten Gründen aber auch auf jene Theologen und Theologinnen hin auslegen, die in der Pastoral hauptamtlich Verantwortung übernehmen und dafür eine wissenschaftliche theologische Ausbildung absolvieren. Dabei liegt die Verheissung, dass die Theologie verdriessliche Gedanken vergehen lässt, auch über dem Theologiestudium.

Worin liegt der Reiz, als theologisch ausgebildete Person im kirchlichen Dienst zu arbeiten? Inwiefern bereitet das Theologiestudium darauf vor?

1. Im kirchlichen Dienst Theologe und Theologin sein

Ich bin gern Theologin … aber ich sag’s lieber nicht weiter?
Beginnen wir ganz menschlich. Wir Menschen fragen uns nach dem Sinn und dem Wert unseres Tuns, und oft genügt es uns nicht, solchen Wert nur selbst erkannt zu haben. Wir sind auf Anerkennung und Wertschätzung von anderen aus.
Regelmässig werden Umfragen durchgeführt, um zu ermitteln, welche Berufe Prestige und Ansehen haben. Gemäss einer Allensbacher Umfrage lagen 2008 die „Pfarrer und Geistlichen“ mit 39% auf dem 2. Platz . Dass die kirchlichen Berufe in solcher Wahrnehmung katholischerseits auf Priester enggeführt sind, kann verständlich machen, warum beauftragte Laien im kirchlichen Dienst sich nicht immer ganz anerkannt fühlen. Andererseits ist die Zuversicht durchaus berechtigt, dass das Ansehen von Priestern ihrem pastoralen Handeln gilt und insofern auch auf Laien im kirchlichen Dienst übertragen werden kann.
Eigenartigerweise schlägt sich dieses offenkundige Ansehen kirchlicher Amtsträger nicht in einer entsprechenden Anziehungskraft nieder. Auch setzt sich die ebenfalls bemerkenswert hohe Berufszufriedenheit von Priestern und von Pastoralassistenten nicht im selben Ausmass in der Bereitschaft um, andere zu diesem Dienst zu ermutigen . „Man kann nur gerne Theologe sein“, und „Ich bin gerne Theologin“, aber … ich sag’s lieber nicht weiter? Aber warum eigentlich nicht?
Nähern wir uns noch etwas weiter dem (vermuteten) „Kern“ des Problems. Wer ein Theologe, eine Theologin ist, der oder die ist verantwortlich für das Wort von Gott, das in das Leben der Menschen hineinwirken möchte. Was wir glauben, soll in seiner Bedeutsamkeit aufleuchten können. Dafür einstehen setzt voraus, selbst von dieser Bedeutsamkeit überzeugt zu sein. Vielleicht ist es gut, sich gelegentlich zu fragen, wie es um die eigene Überzeugung von solcher lebensnahen Relevanz des Glaubens steht.
Ich erinnere mich noch einer Bahnfahrt während meines Theologiestudiums. Ich hatte mir die Studie von Jacques LeGoff über das Fegfeuer als Lektüre mitgenommen – zugegebenermassen ein schillerndes Thema der christlichen Glaubens- und Kulturgeschichte. Während ich las, dachte ich auf einmal: Ob die Person neben mir wohl „mitliest“ und sich evtl. wundert, dass ein moderner, aufgeklärter Mensch sich mit einem solchen Thema beschäftigt? Es war für mich eine heilsame Verlegenheit. Heilsam zum einen, weil ich mich darauf besann, warum denn das „Fegfeuer“-Motiv mir existentiell etwas zu sagen hat: über meine Hoffnung auf Vollendung, auf Vollendung so, dass ich nicht mit einer hoffnungslos fragmentarischen Lebensgestalt im Himmel ankomme, sondern in der Gnade Gottes ausreifen darf. Die Erwartung eines Läuterungsgeschehens steht – ganz kurz gesagt – ein für die Hoffnung, dass nicht „in alle Ewigkeit der, der ich bin, trauernd den grüssen [wird], der ich hätte werden können“ (Karl Rahner: Trost der Zeit. In: ders.: Schriften zur Theologie. Bd. 3: Zur Theologie des geistlichen Lebens. Einsiedeln: Benziger, 1956, 169-188, 180). Warum sollte ich mich genieren, über eine so existentielle Frage nachzudenken?
Heilsam war mir meine Verlegenheit im Zugsabteil zum anderen, weil ich nun meinerseits schielte, was denn mein Nachbar las. Es war ein Wirtschaftsmagazin, von dem ich dann doch eher gelassen dachte: So interessant wie deine Lektüre ist die meine schon lange (Wirtschaftsfachleute mögen mir diese Ansicht bitte nachsehen!). „Man kann nur gerne Theologe sein“, an existentieller Bedeutsamkeit ist die theologische Glaubenswelt jedenfalls nicht leicht zu überbieten.

Zur Lebensrelevanz kirchlicher Berufe
Wer einen kirchlichen Beruf ergreift, braucht sich über die Lebensrelevanz seines Tuns keine Gedanken zu machen.
Es ist ein den Menschen hilfreicher Beruf, der in der Bereitschaft zum Zuhören, zum Begleiten, zum Helfen nicht mehr lange legitimiert zu werden braucht.
Auch der Dienst an den spezifisch kirchlichen Vollzügen wie z.B. der Liturgie braucht sich nicht zu verstecken. Wer die Kirchen leerredet, tut dies in hoffnungsloser Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass sich zu den Gottesdiensten regelmässig (!) mehr Menschen versammeln als zu verschiedenen Vereinsanlässen usw. Seelsorger helfen unzähligen Menschen Sonntag für Sonntag und bei vielen anderen Gelegenheiten, ihr Leben in die Gemeinschaft mit Gott und in die Gemeinschaft der Kirche einzubergen, dadurch einen Ruhepunkt und zugleich eine inspirierende Mitte in ihrem Leben zu gewinnen und Kraft zu schöpfen. Dass es – durch Beliebigkeit ebenso wie durch Rubrizismus – Weisen des Liturgiefeierns gibt, von dem Menschen lieber Abstand nehmen, ändert nichts daran, dass die meisten Priester, Diakone und Laientheologen in diesem Bereich mit viel Glauben, Engagement und Kompetenz einen grossen Dienst tun.
Zur Relevanz der kirchlichen Berufe gehört schliesslich auch, dass in diesen Berufen Personen tätig sind, die den begleitenden und helfenden Dienst an anderen Menschen wie auch die Wahrnehmung kirchlicher Vollzüge kraft ihrer theologischen Kompetenz ausüben. Das heisst: die ausgebildeten Personen haben gelernt, ihre eigene religiöse Überzeugung in verschiedensten Hinsichten – geschichtliche Herkunft und Entwicklung, Vielfalt von Bedeutungsnuancen und Auslegungsmöglichkeiten, Begründbarkeit usw. – zu reflektieren. Gerade in einer Zeit, in der Religion boomt und religiöse oder religiös verbrämte Angebote attraktiv sind, ist dies unabdingbar. Ausgebildete Seelsorger und Seelsorgerinnen sind aufgrund ihrer theologisch profilierten Ausbildung in der Lage, auf religiöse Bedürfnisse anderer Menschen – innerkirchlich und ausserkirchlich – einzugehen. Sie können dies tun, indem sie den christlichen Erfahrungsschatz hinsichtlich einer spirituellen Lebensgestaltung weitergeben. (Es ist bedauerlich, wenn es Personen gibt, die nach Thailand reisen müssen, um erst dort mit der Spiritualität des Johannes vom Kreuz in Berührung zu kommen und davon fasziniert zu werden.) Sie können dies tun, indem sie zugleich auf die Nicht-Beliebigkeit religiösen Lebens aufmerksam machen. Das an der Wurzel neuer Religiosität stehende Empfinden, dass nicht alles im Leben machbar und rational analysierbar ist, rechtfertigt nicht die Auffassung, dass im religiösen Bereich „anything goes“. Es bedarf einer fundierten Kritik gegenüber Auswüchsen des religiösen Marktes nicht aus kirchlicher Sorge gegenüber unwillkommener Konkurrenz, sondern aus Sorge um die religiöse Gesundheit von Menschen. Umso wichtiger ist heute die theologische Ausbildung der Seelsorger. Sie sollen gerne Theologen sein, und sie dürfen und müssen ihre theologische Kompetenz mit Entschiedenheit einbringen: um der Menschen willen.
Damit ist nur ein, wenn auch heute wichtiger, Aspekt genannt, dessentwegen Hauptamtliche im pastoralen Dienst theologisch ausgebildet sind. Auf die Bedeutung der theologischen Ausbildung möchte ich nun noch etwas näher eingehen und dies mit einer Reflexion des Profils der Ausbildung an der Theologischen Hochschule Chur verbinden.

2. Die Bedeutung der theologischen Ausbildung

Wer im kirchlichen Dienst als Priester, Diakon oder Pastoralassistent/Pastoralassistentin tätig wird, erhält den Auftrag dazu auf der Basis einer gediegenen theologischen Ausbildung. Er oder sie hat die grundlegende Qualifikation als Theologe und Theologin, bevor er oder sie in einen der pastoralen Dienste aufgenommen wird. Warum braucht es diese wissenschaftliche Ausbildung? Welches sind ihre Früchte?

Dienst am Glauben
Die kirchlichen Berufe sind dem christlichen Glauben verpflichtet. Es geht hier nicht um allgemeine Lebensberatung, um ein identitätsloses Ritenangebot oder neutrale soziale Fürsorge. Wer im kirchlichen Dienst tätig ist, wird gewiss in vielen Hinsichten für die Menschen da sein, ohne dabei immer ausdrücklich den christlichen Glauben zu thematisieren. Gleichwohl geschieht dies im Namen Jesu und im Auftrag der Kirche, und der Glaube ist nicht nur eine motivierende Kraft, welche die handelnde Person inspiriert, sondern auch „Gegenstand“ pastoralen Tuns. Kirchliche Verkündigung und kirchliches Handeln wollen nicht neben hilfreichem Dienst an den Menschen auch noch den Glauben vermitteln, sondern verstehen die Vermittlung des Glaubens selbst als Dienst, als Diakonie im eigentlichen Sinn des Wortes. Der Glaube soll als lebensgestaltende, lebensförderliche und sinnstiftende Grösse erschlossen werden. Wer im kirchlichen Dienst tätig ist, spricht darum nicht neben anderem auch noch vom Glauben, sondern hat den Auftrag, Menschen auf ihrem Glaubensweg zu begleiten und ihnen zu helfen, die ganze, je grössere Hoffnung zu entdecken und je mehr daraus zu leben.
Eben weil in solchem Dienst der Gehalt des Glaubens von Bedeutung ist, sind jene Personen, die in der Kirche einen hauptamtlichen Dienst übernehmen, nicht nur Glaubende, sondern theologisch ausgebildete Menschen. Um den Glauben überzeugend verkündigen zu können, genügt eine nur subjektiv-gefühlsmässige Bindung an den persönlichen Glauben nicht (so sehr eine solche unverzichtbar ist). Die wissenschaftliche Reflexion des Glaubens führt über den subjektiv vollzogenen Glauben hinaus und leitet zu jenem Verstehen an, welches eine intersubjektive Vermittlung des Glaubens ermöglicht. Der frühere Generalobere der Dominikaner, Timothy Radcliffe, bemerkt treffend: „Es stimmt schon, dass wir von Anfang an Wege finden, die Gute Nachricht mit anderen zu teilen, aber die geduldig absolvierte Lehrzeit der Stille [hier ist das Studium gemeint] lässt sich nicht umgehen, wenn wir den anderen mehr bringen wollen als bloss unsere Begeisterung“ (Gemeinschaft im Dialog. Ermutigung zum Ordensleben. Leipzig: Benno, 2001 [Dominikanische Quellen und Zeugnisse 2], 280).
Auf dem Spiel steht die Auskunftsfähigkeit im Sinne von 1 Petr 3,15: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung (dem Grund der Hoffnung) fragt, die euch erfüllt“. Diese Mahnung gilt allen Christen, umso mehr aber jenen, die andere zu dieser Auskunftsfähigkeit befähigen sollen. Zu beachten ist der genaue Wortlaut von 1 Petr 3,15, der nicht nur die christliche Hoffnung, sondern deren Grund bezeugt wissen will. Wenn Christen heute über ihren Glauben sprechen und ihn in einer nicht mehr selbstverständlich christlichen Welt einbringen wollen, darf solche Gottes- und Glaubensrede nicht auf oberflächlichem Niveau geschehen. Die Notwendigkeit theologischen Informiertseins betrifft dabei ein breites Spektrum theologischer Perspektiven: exegetisches Wissen, historische Kenntnisse, Einsicht in die innere Kohärenz des christlichen Glaubens, ethische Positionen usw.

Träger eines grösseren Reichtums
Wer heute Verantwortung in der Pastoral übernimmt, muss die Fähigkeit mitbringen, einer Verarmung kirchlichen Lebens und der christlichen Geisteswelt durch die Kenntnis der je reicheren christlichen Tradition und der grösseren Bedeutungsfülle christlicher Aussagen vorzubeugen. Was die kirchliche Gemeinschaft je aktuell lebt, kann nicht das ganze Potential an christlichen Lebensmöglichkeiten ausschöpfen. Es braucht in der Kirche jene Personen, die durch ihre theologische Ausbildung Träger des grösseren Reichtums an Erfahrungen und Einsichten sind.
Der weite theologische Horizont befähigt zugleich dazu, sich in strittigen Fragen verantwortungsvoll zu positionieren und dabei zugleich vermittelnd zu wirken im Wissen, dass Probleme komplexer sind, als es eine vereinfachende Schwarz-Weiss-Malerei erkennen lässt. Das Theologiestudium soll anleiten, anstehende Fragen beherzt und ohne Ausweichen anzugehen (es braucht Positionierung, nicht ein vages Ausweichen), dies aber im Wissen um die verschiedenen Perspektiven und Orientierungspunkte, die zu beachten sind. Die akademische Ausbildung befähigt zu differenzierten Positionierungen, die durchaus den Mut zu „Ja“ oder „Nein“ haben, aber auch wissen, wann ein „Ja, insofern“ sich mit einem „Nein, insofern“ verbinden muss.

Eigenständige Verantwortung in aktuellen Fragen
In der gegenwärtigen kulturellen und gesellschaftlichen Situation genügen die einfachen und einheitlichen Lösungen nicht. Seelsorgende müssen an sehr verschiedenartige Situationen anpassungsfähig sein, ohne deswegen beliebig zu werden. Mit dem Katechismus, dem Messbuch und dem Kirchenrecht allein kann ein Seelsorger den Herausforderungen der Pastoral nicht genügen. Die drei (exemplarisch) genannten Dokumente stecken ihrem eigenen Selbstverständnis nach einen Rahmen ab, innerhalb dessen in der Kirche verantwortlich verkündigt, gefeiert und gehandelt werden soll, ohne dass dadurch schon alle Einzelfragen geklärt wären. Als Personen, die aufs engste mit den verwickelten Lebenswegen von Menschen zu tun haben, können und dürfen Priester, Diakone und Pastoralassistenten sich nicht nur als Ausführungsbeamte verstehen. Sie sind Theologen, damit sie in der Lage sind, für die je spezifischen Situationen eigenständig verantwortete Wege zu gehen.

Fähigkeit zum Dialog über den kirchlichen Bereich hinaus
Schliesslich braucht es in den pastoralen Berufen die Fähigkeit, die Relevanz christlicher Wahrheiten und Werte auch jenseits des kirchlichen Bereiches in gesellschaftliche Diskussionen einzubringen, im kulturellen, im ethischen, im politischen Bereich. Dies muss in der Ausbildung durch die ständige Vermittlung theologischer Inhalte mit zeitgenössischem Denken vorbereitet sein (und ggf. braucht es hier dann auch die Lektüre von Wirtschaftsmagazinen!).
In all dem ist das Verantwortungsbewusstsein zu wecken, dass auch die Welt der christlichen und kirchlichen Lebensgestaltung keine Spielwiese ist, und dass zumal die Stellungnahmen zu gesellschaftlich diskutierten Problemen kompetent sein müssen. Es ist manchmal bedauerlich, wie leichtfertig mit komplexen theologischen und kirchlichen Fragen umgegangen wird, als bedürfe es in dieser Hinsicht nicht einer Sachkompetenz, wie sie für wirtschaftliche, politische, medizinische Bereiche als selbstverständlich eingefordert würde.

Herausforderung an die theologische Ausbildung
Die theologische Ausbildung muss auf die Fähigkeit, in den beschriebenen Hinsichten Verantwortung zu übernehmen, vorbereiten. Dies ist im traditionellen akademischen Studium einerseits immer geschehen, nicht zuletzt, indem es einen breiten geistigen Horizont eröffnet hat. Andererseits haben sich die theologische Wissenschaft und davon abhängig das Studium in den vergangenen Jahrzehnten doch mitunter vom existentiellen Glaubensvollzug und vom kirchlichen Leben weit entfernt. Aufgrund von stärkeren Spezialisierungen ist die Relevanz dieser Wissenschaft für kirchliche und gesellschaftliche Kontexte nicht mehr immer deutlich. Manche spezielle Forschungsarbeit kann zwar dem Leben der Kirche dienlich sein, dies aber nur in langfristigen Prozessen und ggf. durch erneute Übersetzungsleistungen „zurück“ in die Lebenswelten der Menschen und kirchliche Zusammenhänge.
So bedarf es einer Unterscheidung der Geister innerhalb der theologischen Forschungsarbeit ebenso wie in der theologischen Lehre. Die Theologie muss (wie andere Wissenschaften auch) anerkennen, dass die Frage nach der Lebensrelevanz ihres Arbeitens ihr nicht fremd, sondern berechtigt ist. Sie ist nicht „reine Geisteswissenschaft“, die abgehoben sein dürfte von christlicher Lebenswelt, sondern „Lebenswissenschaft“. Anders formuliert: es ist der ureigene Auftrag der Theologie, christliche und kirchliche Lebensprozesse zu reflektieren. Wenn sich aber die Theologie weithin als selbstbezügliche Reflexion anderer Theologie gestaltet, so ist aus second-order-language (Reflexion über den Glaubensvollzug) third-order-language (Reflexion über die Reflexion) geworden. Dies ist unvermeidlich und legitim, doch darf darüber der Kernauftrag der Theologie, den Glaubensvollzug und kirchliches Leben selbst zu reflektieren, nicht aus dem Auge verloren werden. Es wäre wichtig, unter den vielfältigen Strömungen von Theologie eine pastoral und lebensweltlich orientierte Theologie zu pflegen.

3. Akzente der Ausbildung an der Theologischen Hochschule Chur

Eben dies hat sich die Theologische Hochschule Chur zum Anliegen gemacht. Sie hat sich auf das Leitbild verpflichtet, die theologische Lehre und Forschung bei Wahrung der akademischen Qualität in einer pastoralen Ausrichtung zu verfolgen. Die Konsequenzen für die theologische Ausbildung seien kurz noch schärfer konturiert.
Die pastorale Ausrichtung verlangt zunächst eine Stärkung der praktischen Fächer, denn es wäre fatal, wenn künftige Seelsorgende, in deren Pflichtenheft z.B. der Religionsunterricht einen festen Bestandteil bildet, während ihrer Ausbildungszeit kaum einmal die hier gegebenen Anforderungen auch „vor Ort“ kennenlernen konnten. Aus diesem Grund wurden in den vergangenen Jahren an der Theologischen Hochschule Chur ein Lehrstuhl für Religionspädagogik und ein Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft neu errichtet.
Die pastorale Ausrichtung der theologischen Ausbildung betrifft darüber hinaus alle Fächer. Auch philosophische, exegetische, historische und systematische Disziplinen haben pastorale Relevanz und können im Studienangebot entsprechende Akzente setzen. Es geht nicht darum, Rezepte mitzugeben, also z.B. in der Kirchengeschichte einen Bildungsabend über die Kreuzzüge vorzubereiten und in der Eschatologievorlesung gleich schon eine fertige Predigt zu Allerheiligen mitzuliefern. Damit wäre der Komplexität und dem ständigen Wandel der pastoralen Herausforderungen gerade nicht Rechnung getragen. Die theologische Ausbildung ist unerlässliche Basis für die kirchlichen Dienste gerade deswegen, weil es fertige Rezepte nicht gibt. Wohl aber ist es gefordert, die immer notwendige Selektion der zu vermittelnden Stoffe unter der Rücksicht ihrer Relevanz für die pastorale Arbeit vorzunehmen. Die Kirchengeschichte hat auch eine dienende Funktion, heutige Entwicklungen besser zu verstehen. Die Auseinandersetzung mit theologischen Inhalten ist im Dialog mit der gegenwärtigen Kultur und mit den gesellschaftlichen Fragen zu treiben. Sind christliche Glaubensinhalte im Rahmen heutiger Mentalitäten denn wirklich nur Fremdkörper, oder gibt es nicht auch Anschlussstellen? Stets gilt es, den Erfahrungsbezug zu verdeutlichen: Aus welchen Erfahrungen sind bestimmte Ereignisse, theologische Aussagen erwachsen, und wohin münden sie – können sie auch im heutigen kirchlichen Leben wieder münden? Nicht zuletzt braucht es ein ständiges Bemühen, die Sprachkompetenz in Sachen Theologie zu erhöhen. Die steile Fachterminologie, die zum Verstehen komplexer theologischer Sachverhalte dienlich ist, muss wieder den Weg in eine gepflegte, aber allgemein verständliche Sprache finden, ohne die inzwischen gelernte Komplexität und Differenziertheit zu verraten.
Da auch im kirchlichen Dienst der ganze Mensch gefragt ist, sollen schliesslich die genannten Fähigkeiten nicht nur im Kopf angeeignet werden, sondern ganzheitlich. Eben deswegen bringt die Bindung der Theologischen Hochschule Chur an das Priesterseminar St. Luzi (das ohnehin zugleich auch für die Begleitung der angehenden Laientheologen und Laientheologinnen im Bistum Chur sorgt) nicht eine Vereinseitigung der Ausbildung auf die „Rekrutierung von Priestern“ mit sich ; vielmehr erweitert sich dadurch die gesamte Ausbildung aller Studierenden um die Dimension der Lebensform. Das akademische Leben im Haus ist verbunden mit gottesdienstlichen Vollzügen, mit gemeinsamen Mahlzeiten und mit einem Lebensraum, in dem Studierende und Lehrende als ganze Menschen da sein und sich begegnen können. Das Studium findet in einem Ambiente statt, in dem erfahrbar wird: Theologie ist eine existentielle Angelegenheit. In diesem Rahmen erschliesst sich auch die unabdingbare intellektuelle Anstrengung als Gnadenerfahrung: Es kommt unverzichtbar auf die eigene Arbeit an, und doch ist die Theologie mehr als die Frucht der eigenen Leistung.
Wenn dabei je mehr eine Stimmigkeit zwischen Glauben, Reflektieren, Leben und Feiern entsteht, dürfte bereits während des Studiums die Erfahrung nicht weit sein: Man kann nur gerne Theologe sein.

Erstveröffentlichung in: SKZ 176 (2008) 412-419.

31.12.2009


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