Jahresbericht Studienjahr 2025/2026 – Ereignissplitter

Im Folgenden werfen wir einen Blick auf die Höhepunkte, die das akademische Jahr 2025/2026 inhaltlich und gemeinschaftlich bereichert haben.

Dies academicus 2025

Zahlreiche Gäste aus Kirche, Gesellschaft und Politik kamen am Montag, den 20.10.2025 in der Aula der Theologischen Hochschule Chur zum Dies academicus 2025 der Theologischen Hochschule Chur. Zu Beginn begrüsste Rektorin Prof. Dr. Eva-Maria Faber die Anwesenden, besonders Bischof Dr. Joseph Maria Bonnemain und die Vertreter der Bistumsleitung. Aus der Politik nahm Regierungspräsident Dr. Jon Domenic Parolini und Dr. Gion Lechmann, Vorsteher des Amts für Höhere Bildung im Kantons Graubünden, an der akademischen Feier teil. Erfreulicherweise waren mehrere Vertretungen der staatskirchenrechtlichen Körperschaften, u.a. Mitglieder des Synodalrats und der Synode der Katholischen Kirche im Kanton Zürich bei der Feier vertreten.

Nach der Begrüssung durch Rektorin Prof. Dr. Eva-Maria Faber hielt Prof. Dr. Klara Csiszar die Festansprache. Die Theologin ist Professorin für Pastoraltheologie an der Katholischen Privatuniversität Linz (Österreich). Als Theologische Expertin der Weltbischofssynode hatte sie 2023 und 2024 an den Synoden in Rom teilgenommen. Unter dem Titel „Brücken bauen, Räume öffnen. Synodalität als Kultur des Miteinanders“ reflektierte sie ihre Erfahrungen in diesem grössten Konsultationsprozess der Weltgeschichte und zeigte sein Potenzial für innerkirchliche Entwicklungen ebenso wie für den Brückenbau über sehr unterschiedliche Kulturen in Europa und weltweit. Durch Dialog, gegenseitiges Zuhören und gemeinsame Entscheidungen entstehen laut Csiszar Räume, in denen Konflikte konstruktiv bearbeitet werden. Synodale Prozesse fördern Respekt, Wertschätzung und Teilhabe.

Im Anschluss an die Festrede nahm Prof. DDr. Franziskus Knoll in Vertretung des erkrankten Kollegen Prof. Dr. Christian Cebulj die Preisverleihung des Churer Maturapreises für Religion 2025 vor. Anastasia Sala, frühere Schülerin des Lyceum Alpinum in Zuoz, erhielt den ersten Preis für ihre Maturaarbeit zum Thema «Ewiges Schweigen(?) Der Wandel des Vatikans im Umgang mit Missbrauchsfällen». Darin beschäftigt sie sich mit der Frage, wie sich der Umgang des Vatikans mit sexuellen Missbrauchsfällen von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis zum frühen 21. Jahrhundert entwickelt hat, insbesondere in Bezug auf die interne und öffentliche Darstellung. Der zweite Preis ging an Lorena Torres von Tübach SG, die an der Kantonsschule Am Burggraben St. Gallen eine Arbeit in englischer Sprache zum Thema «Theology and Psychology – How Can Faith Be Supportive in Therapy?» eingereicht hatte. Darin untersucht sie die interessante Frage, inwiefern religiöser Glaube im Rahmen psychotherapeutischer Prozesse unterstützend wirken kann. Mit dem dritten Preis wurde Anaïs Lynn Barghorn von Meilen ausgezeichnet, die ihre Maturaarbeit an der Kantonsschule Uetikon am See eingereicht hatte. Die Arbeit trug den Titel «Schenken einmal anders: Die Lebendnierenspende» und stellte eine doppelte Transplantationsgeschichte von Seiten der Empfänger:in und der Spender:in dar, die gleichzeitig in einem spannenden Podcast präsentiert wurde. Die Maturapreise waren mit 500 Fr., 300 Fr. und 200 Fr. dotiert, Sponsorin war in diesem Jahr die Kirchgemeinde Zürich Guthirt, deren Pfarrer Marcel von Holzen erfreulicherweise auch beim Dies Academicus anwesend war.

Die Feier wurde musikalisch umrahmt von Naira Wittmann am Klavier und Andri Meyer an der Oboe, die für ihre wunderbare Musik den verdienten Applaus des Publikums erhielten. Im Anschluss an die akademische Feier wurden die Themen des Abends in geselliger Runde beim Apéro riche weiter diskutiert.

Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Lisa Kühn (Liturgiewissenschaft)

Am 11. Februar 2025 wurde Dr. Lisa Kühn (* 1987) zur neuen Professorin für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Hochschule Chur ab dem Studienjahr 2025/2026 ernannt. Am 23. April 2026 hielt sie ihre Antrittsvorlesung mit dem Titel «Die Freude am Widerspruch: Eine positive Deutung liturgischer Entwicklungen in der Gegenwart».

In ihren bisherigen Forschungen und Wortmeldungen liegt ihr eine pluralitätssensible Liturgie am Herzen. Nach ihrem Studium der Religionspädagogik in Paderborn und der katholischen Theologie in Erfurt wurde sie 2021 am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft an der Universität Erfurt mit einer Dissertation zum Thema: «Das Krankenhaus als Ort der Liturgie. Plurale Feierformen in der Begleitung kranker und sterbender Menschen» promoviert.

Seelsorge im Spital exponiert sich jenseits der gewohnten und manchmal auch behäbigen kirchlichen Rahmenbedingungen und muss oder besser darf sich in einer religiös pluralen Gesellschaft bewegen. Sie trifft auf unterschiedliche Lebenssituationen und religiöse Einstellungen. Am Krankenbett ist es Gebot der Stunde, die vorgefundene Konstellation – auch in ihrer religiösen Dimension – zu nehmen, wie sie ist. Seelsorgende müssen darum die eigene Ritenkompetenz diakonisch einsetzen und je und je «sprechende Feierformen und Rituale […] finden, die für die gegebene Situation der physischen wie psychischen Verfasstheit der Patient(inn)en sensibel sind und ihnen sowie gegebenenfalls auch den Angehörigen die Perspektive der Heilswirklichkeit Gottes einladend und rezipierbar anbieten» (Kühn, Segnungen 133).

Deswegen unterstreicht Lisa Kühn in ihren Publikationen die mögliche Formenvielfalt von Segnungen im Kontext solcher Krankenhausseelsorge.

In ihrer liturgiewissenschaftlichen Reflexion kommt Lisa Kühn zugute, dass sie selbst erfahrene Seelsorgerin und mit der Arbeit innerhalb von kirchlichen Strukturen vertraut ist. Sie absolvierte sowohl die Ausbildung zur Gemeindereferentin im Bistum Erfurt als auch die Ausbildung zur Pastoralreferentin im Bistum Münster und wirkte mehrere Jahre als Pastoralreferentin in der Seelsorge. Ab 2020 wechselte sie in den Dienst des Ordinariates im Bistum Osnabrück und wurde persönliche Referentin von Weihbischof Johannes Wübbe. Zudem war sie Diözesanreferentin für Liturgie und Ausbildungsleiterin für den Ständigen Diakonat im Bistum Osnabrück.

Mit der letzteren Aufgabe zeigt sich ein weiteres Thema, für das Lisa Kühn qualifiziert ist und sich in einem noch laufenden Forschungs- und Habilitationsprojekt auch weiter qualifiziert: das Thema der liturgischen Bildung. Aktuell arbeitet sie dazu an der Universität Tübingen unter dem Titel: «Liturgische Bildung in der Gegenwart».

In einem zusammen mit Samuel-Kim Schwope verfassten Artikel zum Thema fragt Lisa Kühn, wie Bildung zur Liturgie und eine Förderung der Bildung durch Liturgie ermöglicht werden kann. Der Artikel postuliert, dass hier das Zusammenspiel von unterschiedlichen Fachrichtungen und Professionen gefragt ist und bemerkt über diese wissenschaftliche Vernetzung hinaus: «Es geht um das Zueinander von wissenschaftlicher Expertise, liturgietheologischer Reflexion, der Beobachtung der liturgischen Praxis, der Wahrnehmung von Lebenskontexten und Erfahrungen im Umgang mit unterschiedlichen Zielgruppen» (Schwope; Kühn, Theologie 228). Zudem seien im Prozess liturgischer Bildung die Rollen von Lehrenden und Lernenden im wechselseitigen Austausch. Es sei nicht klar voneinander abzugrenzen, wer hier Lehrender und wer Lernender ist.

Wie es geht, diese komplexe Struktur liturgiewissenschaftlicher Bezüge für die grundständige Lehre und Fortbildungen zu realisieren, hat Lisa Kühn in der akademischen Lehre am Campus für Theologie und Spiritualität Berlin sowie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen bereits erprobt; sie war dort schon Lehrende und Lernende.

Lisa Kühns wissenschaftliche Schwerpunkte und ihre vielfältigen Erfahrungen in Seelsorge und liturgischer Praxis sind beste Voraussetzungen für eine fundierte und praxisorientierte Ausbildung der Studierenden in den verschiedenen Bereichen der Liturgiewissenschaft. Die TH Chur freut sich auf die weitere Zusammenarbeit mit ihrer neuen Liturgiewissenschaftlerin – im deutschsprachigen Raum aktuell die einzige Frau auf einem liturgiewissenschaftlichen Lehrstuhl. Wir danken ihr, dass sie sich in ihrem ersten Jahr bereits in verschiedenen Aufgaben, insbesondere im Pastoralinstitut und als Präventionsbeauftragte, engagiert eingebracht hat, und wünschen ihr ein bereicherndes Wirken in Lehre und Forschung an der TH Chur.

 

Zitierte Literatur:

Kühn, Lisa: Segnungen in der Krankenhausseelsorge. Liturgische Vielfalt im öffentlichen Raum. In: Knop, Julia (Hrsg.); Kranemann, Benedikt (Hrsg.): Segensfeiern in der offenen Kirche. Neue Gottesdienstformen in theologischer Reflexion. Freiburg i.Br. 2020 (QD 305), 132–148.

Kühn, Lisa; Samuel-Kim Schwope: Theologie in der Schnittstelle – Liturgiewissenschaft zwischen Universität und Kirche. In: Kranemann, Benedikt (Hrsg.); Winter, Stephan (Hrsg.): Im Aufbruch. Liturgie und Liturgiewissenschaft vor neuen Herausforderungen. Münster 2022, 221–230.

Tagung: «Mystik und Reformation im helvetischen Kontext»

Vom 28.-30. Mai 2026 fand im Rittersaal des Bischöflichen Schlosses in Chur die von Prof. Dr. Martina Roesner und Prof. Dr. Tobias Jammerthal (Universität Zürich) organisierte Tagung «Mystik und Reformation im helvetischen Kontext» statt. Im Mittelpunkt der Tagung stand die Frage, inwieweit die Berufung auf mystische Traditionen katholischer- wie evangelischerseits zur Konstruktion einer konfessionellen Identität gedient hat und wie sich diese Thematik aus der spezifischen Perspektive der Schweizer Spiritualitäts- und Reformationsgeschichte darstellt.

Die insgesamt 18 Referentinnen und Referenten aus den USA, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz – darunter Volker Leppin (Yale), Freimut Löser (Augsburg), Marie-Anne Vannier (Metz), Dietmar Mieth (Erfurt) und Inigo Bocken (Leuven) – behandelten diese vielschichtige Problematik aus ganz unterschiedlichen fachlichen und konfessionellen Perspektiven. Dabei wurden die Ursprünge der expliziten Aneignung der mittelalterlichen Mystik zum Zweck einer protestantischen Identitätskonstruktion im 19. Jahrhundert ebenso beleuchtet wie die geistliche Geographie der Ordensgemeinschaften am Oberrhein im Spätmittelalter und in der beginnenden Reformation. Andere Vorträge analysierten die Haltung Calvins und Zwinglis zur Devotio moderna einerseits und der wohl prominentesten Gestalt mystischer Frömmigkeit in der Schweiz, nämlich Niklaus von Flüe, andererseits. Dabei wurde deutlich, dass letzterer nicht nur von Vertretern der reformierten Universitätstheologie rezipiert wurde, sondern auch als Protagonist in Schweizer Heiligenspielen für einfache Gläubige – Katholiken wie Protestanten – als Identifikationsfigur diente. Andere Vorträge behandelten die Beziehung zwischen Mystik und Humanismus in der Schweiz und gingen der Frage nach, inwieweit das Corpus Dionysiacum, eines der wichtigsten und einflussreichsten mystischen Schriftencorpora, Einfluss auf das Denken des reformierten Zürcher Theologen Conrad Clauser genommen hat.

Die Tagung verfolgte die Absicht, nicht nur erfahrene und international führende Expertinnen und Experten für Vorträge zu gewinnen, sondern durch einen offenen Call for papers auch  jüngeren Forschenden aus unterschiedlichen Disziplinen (v.a. Katholische bzw. Evangelische Theologie und Kirchengeschichte, Ältere deutsche Sprache und Literatur, Philosophie und Mediävistik) die Gelegenheit zu geben, sich aktiv an dieser Tagung zu beteiligen und sich bei dieser Gelegenheit mit wissenschaftlich arrivierten Kolleginnen und Kollegen zu vernetzen. Dank grosszügiger finanzieller Bezuschussung durch den SNF und andere Sponsoren war es möglich, eine hohe Beteiligung internationaler Vortragender zu erreichen, was sich sehr förderlich auf die akademische Reputation des Standortes Chur in der europäischen Spätmittelalter- und Frühneuzeitforschung auswirken wird.

Die Beiträge der Tagung werden voraussichtlich 2027 in einem Sammelband der Reihe «Zürcher Beiträge zur Reformationsgeschichte» Open Access publiziert werden, um eine breite Rezeption in der Fachwelt zu garantieren.

Rückblick auf den Kirchenmusiktag 2025

Rückblick auf den Kirchenmusiktag 2025
Der Kirchenmusikverband Bistum Chur und die Theologische Hochschule Chur luden am Freitag, 21. November 2025 zum 3. Churer Kirchenmusiktag ein. Es wurden Referate und Workshops zu interessanten kirchenmusikalischen Themen sowie ein Konzert und Liturgien angeboten.

Am 21. November fand an der Theologischen Hochschule wiederum ein Kirchenmusiktag statt, bereits der dritte seit der Gründung des Angebots. Alternierend zur Kirchenmusikwoche in Disentis findet alle zwei Jahre dieser Tag in Chur statt, wo Leute aus dem kirchenmusikalischen Bereich, Pfarrpersonen oder Liturgievorstehende sich treffen und austauschen können. Es geht um Reflexion, Inspiration und Weiterbildung. Die Hochschule und der Kirchenmusikverband des Bistums Chur haben dazu eingeladen, um zu verdeutlichen, dass die Liturgie und die Kirchenmusik eng verbunden sind und nur gemeinsam ein stimmiges Ganzes entstehen kann.

Beim Begrüssungscafé trifft man Bekannte oder lernt neue Gesichter kennen. Es ist ein ungezwungenes Ankommen, bevor es in der Aula los geht. Udo Zimmermann und Birgit Jeggle-Merz begrüssen die Anwesenden, bevor Heinz Girschweiler in den ersten musikalischen Teil startete, ein gemeinsames Einsingen, miteinander Singen und aufeinander Hören, ein Ankommen in einem singenden Ganzen. Dabei griff er Teile von Liedern auf, die später in einer Feier gesungen wurden.
Anschliessend verteilten sich die Teilnehmenden in die unterschiedlichen Räume zu den Workshops. Da gab es sehr unterschiedliche Angebote wie
«Jubilate» Was erwartet uns? – «Von Anfang an mit Musik» – Neue Lieder und Hymnen – Komponistinnen aus den USA und England (Orgelliteratur im Gottesdienst) – Der Drive macht’s! Liedbegleitung mit Schwung – Das Glamourpaar der Kirchenmusik (Hl. Cäcilia und Palestrina) – Musikorte im Kirchenraum.

Vor dem Mittagessen beteten wir im Oratorium das Mittagsgebet, wobei vor allem drei verschiedene Arten der Stille erfahrbar werden sollten: die Stille des Zuhörens, die Stille in sich selbst entdecken, die Stille im grossen Ganzen.

Statt eines Konzerts nach dem feinen Essen, gab es in der Aula einen Einblick ins Thema «Musik und Diktatur» von Mario Pinggera. Er zeigte auf, wie sehr Künstler und Komponisten im Dritten Reich unter Druck standen und gezwungen wurden, eine bestimmte Art von Musik zu «liefern», welche die Nazi-Ideologie stützen soll. Manche heutigen Lieder und Märsche könnten eine solche Entstehungsgeschichte haben, derer wir uns heute gar nicht bewusst sind.

Bevor wir in die zweite Runde der Atelier-Angebote starteten, gab es wiederum ein musikalisches Intermezzo, wo alle Stimmen gefragt waren.

Zum Schluss des Tages begaben wir uns in den Chor der Seminarkirche zu einer gemeinsamen Taufgedächtnisfeier. Nicht nur reden, hören und austauschen, sondern auch das Feiern soll einen Raum haben. Es geht darum, miteinander in die Gegenwart Gottes zu treten, auf sein Wort zu hören und unsere Antwort zu geben auf sein Dasein, seine Worte und sein Handeln an uns. Unsere Taufe ist ein Auftrag, und wir wurden erneut daran erinnert, indem wir das Kreuzzeichen auf die Stirn empfingen um neu gestärkt in unserem Alltag zu wirken. Ein Tag, der uns beschenkt und inspiriert hat!

Ein herzliches Danke allen, die uns diesen Tag ermöglicht und dazu beigetragen haben, dass Vernetzung, Austausch und gemeinsames Unterwegssein möglich wurden. Diese Inputs und Begegnungen sind wichtig für unseren kirchenmusikalischen und liturgischen Alltag, der dadurch wieder neue Inspiration und Farbe bekommt.

Text Franziska Diederen

 

Tagung Forum Kirchenentwicklung: «Kirchenentwicklung ist kein Verwaltungsprojekt. Sie ist ein Friedensprojekt – und ein Liebesprojekt.»

«Kirchenentwicklung ist kein Verwaltungsprojekt. Sie ist ein Friedensprojekt – und ein Liebesprojekt.»

Kirche nach der Pfarrei: Perspektiven für die Kirche von morgen

Rund 140 Fachpersonen trafen sich am 12. Juni 2026 zum «Ersten Forum Kirchenentwicklung Deutschschweiz» in Zürich, eingeladen von den Pastoralabteilungen aller deutschschweizer Bistümer/Bistumsregionen, SPI, TBI und dem Pastoralinstitut der Theologischen Hochschule Chur. Die lange im Voraus ausgebuchte Veranstaltung traf einen Nerv: Eine an Pfarreigrenzen orientierte Pastoral trifft die Lebensgewohnheiten vieler Menschen nicht mehr. Zusammenschlüsse zu Seelsorgeverbänden oder Pastoralräumen haben Strukturen verändert, das klassische «Pfarreidenken» aber nicht überwunden – verschärft durch den Generationenwechsel bei Seelsorgenden und sinkende Kirchensteuereinnahmen.

Statt Einführungsvorträgen positionierten sich die Teilnehmenden zu Thesen zur Zukunft der Pfarreien. Drei Ateliers stellten pastorale Projekte vor, die überregionale Koordination brauchen (digitale Glaubenskommunikation, mobile Palliative Care, Exerzitien im Alltag); drei weitere widmeten sich Transformationsmethoden (Effectuation, Art of Hosting, Erprobungsräume). Am Nachmittag wurde in «Laboratorien» anhand von sechs Fallbeispielen – etwa einem Dorfbewohner, der seine Kirche als kulturelles Kleinod erhalten will, einer jungen Expat auf Gemeinschaftssuche oder einer Frau, die Geflüchtete unterstützen will – nach konkreten «Versprechen» gesucht, oft über Kooperationen ausserhalb kirchlicher Strukturen.

Zum Abschluss verband Prof.in Klara A. Csiszar (Kath. Universität Linz), Synodalitätsexpertin bei der Weltsynode, ihre Lernerfahrungen mit den Eindrücken des Forums: «Subjekt der Kirchenentwicklung ist das ganze Netz aller Getauften.» Sie unterschied zwischen dem Wunsch, als Kirche wahrgenommen zu werden, und dem Wunsch, eine Kirche zu werden, die zu den Menschen geht: «Kirchenentwicklung ist kein Verwaltungsprojekt. Sie ist ein Friedensprojekt – und ein Liebesprojekt. Und Liebe beginnt immer klein.»

Erfreulich war die aktive Beteiligung von Vertreter:innen staatskirchenrechtlicher Gremien – nötig, weil Transformation nur im dualen System und über die Grenzen von Kirchgemeinden und Landeskirchen hinweg gelingt. Das Forum soll zu einer Veranstaltungsreihe werden.

Vorbereitungsgruppe: Prof. Dr. Arnd Bünker (SPI St. Gallen), Detlef Hecking (Bistum Basel), Prof. DDr. Franziskus Knoll OP (Pastoralinstitut TH Chur), Madeleine Kronig (Bistumsregion Oberwallis), Dr. Maria Lissek (TBI Zürich), Siegfried Ostermann (Bistumsregion Deutschfreiburg), Dr. Christiane Schubert (Bistum St. Gallen)

Studientag: Von König Charles III. zur religiösen Indifferenz

Ein Freitagmorgen, bestes Wetter, und im Terrassenraum der Hochschule öffnet sich der Blick weit über Chur: Die Stadt hat sich zwischen Calanda und Brambrüesch eingenistet und stellt sich, still und selbstgenügsam, auf ein ruhiges Pfingstwochenende ein. Hier tagt das Promotionskolleg der TH Chur mit Gästen der Universität Luzern und der Referent Stephan Walser OFMCap, Juniorprofessor der Universität Bonn, wirft die ersten Folien an die Wand. Inhalt und Ablauf des Studientages:

1. Charles III. – Die britische Monarchie im Wandel der Zeit
2. König Charles III. und sein langer Weg an die Macht
3. Ist die britische Monarchie noch zeitgemäss?

Da runzelt selbst der Calanda verwundert seine steinerne Stirn, und der Brambrüesch schüttelt ungläubig die Gondel am Berg: Was um alles in der Welt interessiert diese Gruppe TheologInnen heute im Land der direkten Demokratie, in dem höchstens ein Berg – nämlich die Rigi – Königin ist, die britische Monarchie?

Und schon sind wir mitten im Thema dieses Studientages. Es geht um genau dieses Gefühl, das bei diesem angekündigten Programm unweigerlich in den TeilnehmerInnen in der Brustgegend aufsteigt: das Gefühl, der Indifferenz. Der britische König? Geht mich nichts an, interessiert mich nicht, ist mir doch egal. Oder in etwas eitlerer, bildungsbürgerlicher Manier ausgedrückt: In Belangen der britischen Monarchie bin ich indifferent.

Der Begriff der Indifferenz ist im theologischen Kontext kein unbekannter. Manchen ist er aus der ignatianischen Spiritualität vertraut; in Kirchenhistorischer perspektive ist der Indifferentismus ein Begriff – doch um all dies geht es bei dem Studientag nicht.

Indem der Referent Stephan Walser uns ein Bild von König Charles III. bei seiner Krönung zeigt, löst er in uns etwas aus, das ein schwer zu fassendes Phänomen ist, nämlich gänzlich Indifferent gegenüber einer Sache zu sein. Für die Theologie gewann die Erfahrung der Indifferenz in den letzten Jahren an Bedeutung, nämlich seit die religiös Indifferenten eine wachsende Gruppe in Umfragewerten sind. Es ist eine Gruppe, die sich weder bekennend religiös oder atheistisch, noch (in welcher Form auch immer) reflektiert agnostisch versteht, sondern für die das Thema Religion schlicht keine Rolle spielt. Es berührt sie nicht.

Die religiös Indifferenten sind also nicht Menschen, die sich noch nicht entschieden haben, oder die Fragen des Glaubens für unentscheidbar halten, sie stehen dem Religiösen auch nicht unsicher gegenüber. Sie sind schlicht uninteressiert daran.

König Charles verschwindet vom Bildschirm, und es erscheint ein Definitionsversuch:

«Ich plädiere dafür, unter religiöser Indifferenz das Fehlen der existenziellen Bedeutsamkeit einer Positionierung im religionsbezogenen Feld zu verstehen. Religiös Indifferente betrachten es nicht als relevanten Teil ihrer Identität, religiös oder nichtreligiös zu sein.» (Veronika Hoffmann, ZTP (2025) 326.)

Einer religiös indifferenten Person fehlt dieser Definition zufolge die existenzielle Bedeutsamkeit des Religiösen für das eigene Leben. Wir diskutieren dann u.a., ob das Wort «fehlen» nicht bereits eine wertende Aussage seitens der Theologinnen und Theologen darstellt – denen wiederum selbsterklärend nichts fehlt.

Ebenso steht zur Debatte, wie weit der Begriff der Religion zu fassen sei. Ist ein religiös Indifferenter wirklich religiös indifferent oder hat er noch nicht erkannt, dass Religion immer das ist, was jeden Menschen «unbedingt angeht» (Paul Tillich)? Dass etwa mein Gott letztlich immer das ist, woran ich mein Herz hänge (Martin Luther)? Dass jeder Mensch eine Antenne besitzt (Karl Rahner) – oder heutzutage eher eine Starlink-Schüssel –, die es dem Himmel zuzuwenden gilt, um auf Empfang zu sein?

Dahinter verbirgt sich eine der zentralen Frage der Theologie des 20. Jahrhunderts: Ist der Mensch von Natur aus religiös? Was rund um das Zweite Vatikanische Konzil noch als grosse Errungenschaft galt, nämlich Gott in allen Menschen zu erkennen, betrachtet man heute mit Vorsicht und fragt: Ist das nicht übergriffig? Boffs Buchtitel Gott kommt früher als der Missionar steht für eine Errungenschaft, mit der wir uns heute schwertun. Grosse Philosophen des 20. Jahrhunderts wie Kurt Flasch oder Jürgen Habermas haben sich ihr Leben lang mit dem Feld des Religiösen befasst, bezeichnen sich aber selbst als religiös unmusikalisch und zwar bei sehendem Auge und im vollen Bewusstsein dessen, was dabei verloren geht.

So stellt das Phänomen der religiösen Indifferenz die Theologie vor die Frage: Wie lässt sich am anthropologischen Existenzial – also der Annahme, dass jeder Mensch auf etwas Göttliches angelegt ist – festhalten, ohne es bereits auf das Religiöse festzulegen?

Man kann es sich (vielleicht zu?) einfach machen und einen weiten Religionsbegriff postulieren: Das Religiöse wäre dann das menschliche Streben nach Glück und die lebenslange Suche nach etwas, das ihn unbedingt angeht und sein Menschsein gelingen lässt, das die Kostbarkeit des Lebens ausmacht. Wenn das bedeutet, religiös zu sein, dann gibt es vielleicht gar keinen religiös indifferenten Menschen.

Es wäre dann bloss zu fragen: Was ist relevant, wenn Gott nicht relevant ist? Was erfüllt den Menschen mit der Erfahrung von Fülle? In diesem weiten Sinne wäre jeder Mensch religiös. Doch was, wenn diese Kostbarkeit innerhalb eines konkreten Lebens ausschliesslich durch Konsum und Besitzgütern Erfüllung findet? – wie zum Zeitpunkt des Kolloquiums als rund um die Audemars-Piguet-Swatch-Uhr eine Euphorie entwickelte, und Menschen rund um den Globus vor den Swatch-Shops Schlange standen. Hier darauf zu verweisen, dass auf den Rausch des Konsums in der Regel ein Gefühl von Leere und Ernüchterung folgt, liegt auf der Hand. Doch genau diese Erfahrung machen Menschen auch mit dem Religiösen. So beschreibt etwa der berühmte Autor Emmanuel Carrère in seinem autobiografischen Buch «Das Reich Gottes» eindrücklich, wie er die Kostbarkeit des katholischen Glaubens entdeckt und wie ihm der Glaube auch wieder abhanden kommt. Ist es vielleicht gerade charakteristisch für das anthropologische Existenzial, dass die Fülle nie ganz greifbar bleibt (auch nicht für religiöse Menschen) und die Erfahrung der Leere für das Menschsein in allen Lebensfeldern konstitutiv ist?

Ein weiterer möglicher Umgang mit dem Phänomen der religiösen Indifferenz setzt auf die Gnade Gottes und die Hoffnung, dass jeder Mensch von ihr berührt werden kann. Er wird von aussen angerührt, in welcher Form auch immer, sodass ihm das Unverfügbare, das Geheimnisvolle aufgeht. Ein Naturphänomen oder ein Strassenmusiker kann einen Menschen so treffen, dass diese Erfahrung Lust darauf macht, sich über diese punktuelle Erfahrung hinaus wandeln zu lassen – weil man dadurch eine Seite in sich entdeckt, die vorher verborgen war.

Was dieser Studientag uns zeigt: Wir tun uns als TheologInnen äusserst schwer damit, gelingendes Leben mit jenem Gefühl der Indifferenz zu verbinden, mit der etwa Berge wie Brambrüesch und Calanda der Welt gegenüberstehen. Wenn nicht auf dem religiösen Feld, was lockt den Menschen dann aus seiner Gleichgültigkeit heraus – hinein in ein unbedingtes Interesse, Engagement und Anteilnahme an dem, was sich in der Welt zeigt und ereignet? Und könnte es gar gelingen, dass religiös Berührte, mit religiös Indifferenten dort miteinander ins Gespräch kommen, wo es zu einer engagierten und bereichernden Zuwendung zur Welt kommt?